Eine Kirche wird zum Zuhause

Die erste Vesperkirche wurde am 21. Januar 1995 eröffnet

30. Januar 2007

Petra ist über ihrer Portion Leberspätzle mit Sauerkraut eingeschlafen. Ihr Kopf liegt auf den verschränkten Armen, neben ihr steht noch ein halbvoller Kaffeebecher mit einem lila Hahn und der Aufschrift: "Auch wenn sonst kein Hahn nach mir kräht - Gott weiß, dass ich da bin." Als Petra die Leonhardskirche in Stuttgart zwei Stunden später wieder verlässt wissen alle, dass sie auf dem Weg zum Straßenstrich ist, anschaffen für den nächsten Schuss. Die Kirche war für ein paar Stunden Schutzraum, ihr Zuhause. Hier konnte sie so sein, wie sie ist und keiner fragte sie nach ihrem Preis.

Rund 300 Straßenkinder gibt es Stuttgart, 600 Wohnsitzlose und 25.000 Sozialhilfeempfänger. Menschen, mit denen man eigentlich lieber nichts zu tun haben möchte, weil sie einem viel zu deutlich zeigen, wovor man selber Angst hat. Da ist es doch viel einfacher das Auto bequem in der Tiefgarage zu parken und möglichst schnell und auf direktem Wege an möglichst wenigen Bettlern vorbei in die Einkaufspassage zu gelangen.

Ganz anders dachte Diakoniepastor Martin Friz. Er träumte von einem Ort, an dem Menschen aller Armutsgruppen zusammenkommen und eine Zeit lang miteinander leben können. Ein Ort, an dem sie ihre Not, ihre Verzweiflung nicht verstecken müssen, wo sie nicht über ihre Geschichten schweigen müssen, weil sie eigentlich niemanden interessieren. Für Martin Fritz war klar, es muss möglich sein, einen solchen Ort zu schaffen. Und zwar nicht in irgendeinem Vorort, sondern direkt in der Stuttgarter Innenstadt. Martin Friz blieb nicht beim Träumen, er packte die Dinge an.

Er fragt bei der Leonhardsgemeinde an, und prompt stimmt der Kirchenvorstand zu: Ein Drittel der Kirchenbänke wird abmontiert, um im hinteren Raum Platz zu schaffen für Bänke und Tische und eine Ecke, in der heiße Getränke und Essen ausgeteilt werden können. Friz mobilisiert ortsansässige Firmen: Er holt Apotheken, Banken und Lebensmittelhändler ins Boot. Eine Kaffee-Rösterei stiftet den ersten Kaffee. Auch wenn anfangs noch gar nicht klar ist, wie viel Kaffee gebraucht wird. Die Landeskirche Württemberg liefert dazu die Tassen mit Motiv - dem lila Hahn. Das Rote Kreuz stellt die nötigen Wärmebehälter zur Verfügung. In einem Ferienheim wird eine geeignete Küche gefunden, in der das Essen vorbereitet werden kann.
 
21. Januar 1995: Die erste Vesperkirche wird eröffnet. Die Gäste kommen zunächst nur zaghaft, ehrfürchtig betreten sie die Kirche, mache bekreuzigen sich beim Eintreten. Dann aber nehmen schnell immer mehr Menschen "ihre" Kirche in Besitz. Straßenkinder, Prostituierte, Obdachlose. Aus anfänglichen distanzierten und unsicheren Höflichkeiten entstehen schnell teilnehmende Gespräche. "Es geht darum miteinander auf Zeit zu leben, sich gegenseitig wahrzunehmen und zu begleiten. Dazu gehört dann auch ein gutes Essen, das man gemeinsam genießt, ebenso Gespräche und alle anderen Angebote bis hin zur Kultur", erklärt Martin Friz.

Im Januar 2006 bietet sich ein buntes Bild: Zwei ältere Männer in Lumpen sitzen an einem Tisch und  spielen Schach, eine alte Damen sitzt strickend in der Kirchenbank und zwinkernd hin und wieder den vor dem Altarraum spielenden Kindern zu. Eine junge alleinerziehende Mutter mit ihrem Säugling auf dem Schoß unterhält sich mit einer Diakonisse. Endlich hört ihr einer zu. Ein Punk schläft zusammengerollt gegenüber in einer anderen Kirchenbank. Es riecht nach Essen, man hört Besteck über die Teller kratzen, leises Geschirrklappern und überall Gemurmel, leise Worte des Trostes, des Mitgefühls. Dazwischen immer wieder lautes Kinderlachen.

In der Vesperkirche gibt es kein ausgefeiltes Fürsorgeprogramm, dafür aber echte Begegnungen. Sie lebt davon, dass Menschen  sich freiwillig Tag für Tag Zeit für andere nehmen, zuhören, einfach da sind. Ein regelmäßiger Besucher der Vesperkirche sagte einmal: "Toll, dass ihr uns in eure Kirche lasst und nicht nur einen Saal aufmacht!" Hier wird deutlich, wie groß der Unterschied zwischen „Armenspeisung“ und wirklicher Gastfreundschaft, Respekt und Teilnahme ist. Ein anderer Gast bringt es auf den Punkt: "Das Schönste an der Vesperkirche ist, dass ich ein paar Stunden nicht verachtet und nicht verjagt werde."

Das Projekt von Martin Friz verändert aber auch vieles über die Grenze der Kirchenmauer hinweg. "Wenn ich jetzt auf der Straße einen Obdachlosen sehe", erzählt eine Freiwillige, "kann ich nicht mehr vorbeigehen, denn ich merke, hey, den kennst du ja."  Vesperkirche macht Armut sichtbar und zwingt zum Hinsehen.

Inzwischen findet die Vesperkirche in Stuttgart zum 13. Mal statt. Bis zum 17. März ist die  Leonhardskirche dieses Jahr wieder jeden Tag geöffnet. Das Projekt hat sich enorm entwickelt. Bis zu 1000 Portionen Essen werden pro Tag ausgegeben. 25 Hauptamtliche und mehr als 800 Ehrenamtliche, darunter Ruheständler, Gemeindegruppen, Hausfrauen und Schulklassen arbeiten heute für die Vesperkirche. Ein Diakonenteam steht für Gespräche zur Verfügung. Dazu kommt ein Ärzteteam, ein Logistik- und ein komplettes Küchenteam. In den vergangenen Jahren kamen auch immer mehr Familien, also wurde eine Spielecke eingerichtet. Seit 2001 gibt es eine eigene Kinderbetreuung, eine Ambulanz, einen Männerkochclub,  einen "Friseursalon" und sogar eine tierärztliche Versorgung für die vierbeinigen Gefährten der Besucher.

Die Idee machte Schule, sieben weitere Vesperkirchen haben mittlerweile in Württemberg ihre Pforten geöffnet: in Wasseralfingen, Geislingen und Göppingen, Reutlingen, Öhringen, Ulm und Villingen-Schwenningen. Und die Idee wird weitergedacht: In einigen Kirche wird zusätzlich ein Kinderprogramm und eine Schuldner- und Rechtsberatung angeboten, Kleiderbazare und Benefizkonzerte finden statt.

Morgen wird Petra wiederkommen, nach Hause in die Leonhardskirche, dort wo sie willkommen ist. Sie wird ihren Kaffee aus einer Tasse mit dem lila Hahn trinken und vielleicht eine Portion Kassler Braten mit Rotkraut und Kartoffelpüree essen. Eine der Diakonissen wird ihre Einstiche auf den Armen versorgen, und ihre seelischen Wunden.

Eine Kirche wird zum Zuhause.

Vesperkirche Stuttgart im Internet