Paraguay im Mittelpunkt des Weltgebetstages

Unter Gottes Zelt vereint

26. Februar 2007

Die Sonne steht noch tief hinter den sanften Hügeln von Arroyo Guazú. Vogelgezwitscher erfüllt den frischen Morgen. Auf dem Feuer brodelt ein großer Topf "cocido", das typische Frühstücksgetränk des ländlichen Paraguay: Mate-Tee mit Milch und viel Zucker. Aus der Aula des Indianer-Internats klingen Gesang und Gebete. Der Glaube spielt für die Menschen in Paraguay eine wichtige Rolle.

Nach 35 Jahren Militärdiktatur befindet sich Paraguay seit 1989 in einem schwierigen Prozess der Umgestaltung, an dem sich Frauen auf vielfältige Weise beteiligen: Frauen - selbst betroffen als Kleinbäuerinnen und Landlose - engagieren sich für Landreformen und versuchen gegenüber multinationalen Agrarkonzernen ihre Rechte durchzusetzen. Frauen schließen sich zusammen, um ihre landwirtschaftlichen und kunsthandwerklichen Produkte besser zu vermarkten; Frauen gründen Anlauf- und Beratungsstelle für von häuslicher Gewalt betroffener Frauen, sie engagieren sich im Bildungsbereich und im Gesundheitswesen.

Die Kirchen in Paraguay wollen einen Platz zum Atmen und Perspektiven für eine gerechtere Welt bieten. Dies wird auch in der Liturgie deutlich, die Christinnen aus Paraguay in diesem Jahr für den Weltgebetstag der Frauen am 2. März gestaltet haben. Ihr Motto: "Unter Gottes Zelt vereint" - ist das diesjährige Thema für Gottesdienste in mehr als 170 Ländern. Über eine Million Frauen und Männer werden in Deutschland in vielen Gemeinden durch ökumenische Gottesdienste ihre Solidarität mit den Menschen in Paraguay zum Ausdruck bringen.

Im Internat in Arroyo Guazú beginnt der Tag mit einer Morgenmesse. Antonia, 33 Jahre, allein erziehende Mutter des vierjährigen Oscar, nimmt an einem Seminar für angehende Lehrer teil. Voller Inbrunst singt sie mit, lauscht der Ansprache von Schwester Elisa, die dem Orden der Unbefleckten Empfängnis angehört: "Spürt die Liebe Gottes!"

Etwa 100 Augenpaare schließen sich, auch Antonia fühlt in sich hinein. Dann steht sie auf, faltet die Hände und betet das Vaterunser. Auf Spanisch. Ansonsten wird hier im Osten Paraguays Guaraní gesprochen, die Muttersprache der indianischen Gemeinschaften, zu denen auch Antonia gehört.

Rund 92 Prozent der Paraguayer sind katholisch. Doch es gibt ökumenische Bündnisse. Schon 1976, noch unter der Diktatur Alfredo Stroessners (1954-1989), gründeten evangelische und katholische Kirchen das Kirchenkomitee für Hilfe in Notfällen. Die Organisation nahm den Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen auf.

31 Jahre später gibt es immer noch viel zu tun. "Die Leute glauben an uns", sagt Schwester Elisa. Die junge Frau mit den strahlenden Augen unterrichtet in Arroyo Guazú, seit 1996 die erste Oberschule für Indianer in Paraguay eröffnet wurde. "Die staatliche Anerkennung und den Zuschlag für die Lehrerfortbildung zu bekommen, war ein langer Kampf", erzählt sie. "Immer wieder haben wir getanzt und gebetet."

In einem halben Jahr wird sie die staatliche Lehrerprüfung ablegen. "Die Ausbildung ist ein großes Privileg für mich", sagt sie. Nur wenige Frauen haben in Paraguay die Chance, einen qualifizierten Abschluss zu machen. Für eine indianische Frau wie Antonia ist es noch schwerer.

Die blonde Marina lebt in einer anderen Welt. Die 25-Jährige mit deutschen Vorfahren zog vor kurzem in die Hauptstadt Asunción. Sie wohnt im evangelischen Studentenheim und will ihr Abitur nachmachen. Ihre Eltern haben in der Deutschen-Kolonie Sudetia eine Rinderfarm. Dort häufen sich die Überfälle landloser Bauern. Marina hat keine gute Meinung von ihnen: "Die Einheimischen sind zu faul zum Arbeiten", sagt sie. Ohne Revolver sei sie schon lange nicht mehr aus dem Haus gegangen. Immer mehr Freundinnen und Freunde wollen nach Deutschland auswandern. Marina aber will bleiben, Tierärztin oder Buchhalterin werden.

In der Backsteinkirche neben dem Wohnheim trifft sich eine Gruppe von Frauen, die auf Veränderung hofft: "Gott kann den Menschen verändern", sagt René Carter, die Gründerin des Weltgebetstagskomitees in Paraguay. Trotz ihrer 72 Jahre und der schweren Krankheit, die sie an den Rollstuhl fesselt, spricht die gebürtige Argentinierin klar und präzise: "Die paraguayische Frau ist eine harte Arbeiterin, aber es fehlt ihr an Selbstbewusstsein." Deshalb sind die Christinnen des Landes froh, durch den Weltgebetstag einmal international eine Stimme zu haben.

Die ökumenischen Gottesdienste zum Weltgebetstag werden dieses Jahr in mehr als 170 Ländern gefeiert, in Deutschland  nehmen jedes Jahr über eine Million Frauen und Männer an den Gottesdiensten teil.

Die Idee des Weltgebetstages stammt aus der USA. Dort versammelten sich 1887 Christinnen zu einem ersten Gebetstag. 1946 riefen US-Amerikanerinnen anlässlich des Weltgebetstages in Berlin deutsche Frauen zur Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Seit 1949 wird dieser Tag auch in ganz Deutschland gefeiert.

Natürlich hat auch die EKD direkte Beziehungen nach Paraguay. Sie sind eng an die Partnerschaft zur Iglesia Evangélica del Río de la Plata (IERP) gebunden. Diese Kirche, die in Argentinien, Uruguay und Paraguay vertreten ist, ging aus der seit 1899 bestehenden Deutschen Evangelischen La-Plata-Synode hervor. In einer der 11 Gemeinden des Distrikts Paraguay - in Hohenau - arbeitet der von der EKD in den Dienst der IERP entsandte württembergische Pfarrer Heinz Düllmann.