Paul Gerhardt

Die Ballade vom guten Ausgang

07. März 2007

Deutschland vor 350 Jahren: Der Dreißigjährige Krieg ist gerade erst zu Ende. Das Land liegt in Trümmern, ganze Landstriche sind entvölkert und verwüstet. Die Überlebenden werden von Hunger und Not geplagt. Epidemien und Seuchen raffen weiterhin Tausende Menschen hin. Marodierende Banden ziehen umher und verbreiten Angst und Schrecken. Versprengte Reste jener Söldnerheere, die Mitteleuropa in ein riesiges Schlachtfeld verwandelt hatten. Da erscheint im Jahre 1653 ein Gedicht des Pfarrers Paul Gerhardt aus Mittenwalde bei Berlin: Geh aus, mein Herz, / und suche Freud / In dieser lieben Sommerzeit / An deines Gottes Gaben; / Schau an der schönen Gärten Zier / Und siehe, wie sie mir und dir / Sich -ausgeschmücket haben. Zeilen eines weltfremden Traumtänzers oder blanker Zynismus? Schöpferlob in Zeiten der Apokalypse nach dem Motto „Hurra, wir leben noch“? Oder tatsächlich Trost für geschundene Seelen, Trotz gegen jede Resignation? Die Hoffnung, dass doch noch alles gut wird? Ach, denk ich, bist du hier so schön / Und lässt du uns so lieblich gehn / Auf dieser armen Erden, / Was will doch wohl nach dieser Welt / Dort in dem reichen Himmelszelt / Und güldnen Schlosse werden!

Hoffnung auf einen Gott, der den Menschen zwar kein irdisches Leid erspart, sie aber letztlich erlöst – das ist der Glauben, in dem Paul Gerhardt gegen die Depression anschreibt. Der Dichter, der am 12.3.1607 geboren wurde, hat dem Leid und der Sehnsucht seiner Zeitgenossen in einer Weise Ausdruck gegeben, die ihn überdauert hat.

Die bedeutendsten Kirchenmusiker seiner Zeit haben seine Verse vertont, und seine Kirchenlieder verbreiteten sich in Windeseile im deutschsprachigen Raum. Man sang sie in Straßburg und Zürich, in Kopenhagen und Amsterdam, in Breslau und Leipzig. Es gab keine Radiostationen, keine CDs, keine Videoclips. Notenblätter kursierten. Die Menschen lernten die Lieder kennen, indem sie selbst die Strophen sangen und bald auswendig wussten. Gesungen wurde gemeinsam in den Familien und in den Kirchen. Die Gotteshäuser waren neben den Marktplätzen die Orte der Popkultur, weil sich dort entschied, ob etwas populär wurde und jedes Kind es kannte. So darf man Paul Gerhardts Lieder getrost Popsongs nennen, nicht geschrieben für höfische Zirkel oder eine intellektuelle Avantgarde – es sind Lieder für alle.

Vergleiche mit der Gegenwart sind schwierig. Aber es ist nicht übertrieben, wenn man die Texte Gerhardts in ihrer Bedeutung neben „We Shall Overcome“, neben „Let It Be“ oder „Yesterday“ von den Beatles, Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“ oder Bob Marleys „No Woman, No Cry“ stellt. Ja, es ist zweifelhaft, ob diese Songs auch noch nach bald 400 Jahren standhalten werden, wie es Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Geh aus, mein Herz“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“ vermögen.

Viel hat Gerhardt nicht geschrieben, 139 deutschsprachige Gedichte von ihm sind überliefert. Sein Leben verlief in verhältnismäßig ruhigen Bahnen. „Zum Glück“ habe „der fromme Gerhardt frühzeitig in seine Kammer gefunden“, schreibt Günter Grass in seiner Erzählung „Das Treffen in Telgte“. Grass schildert darin eine fiktive Zusammenkunft großer deutscher Dichter im Jahre 1647, kurz vor dem Ende des -großen Krieges. Während einige Poeten durchaus über die Stränge schlagen und mit den Mägden ins Heu gehen, beschreibt Grass Paul Gerhardt als frommen, verklemmten Wunderling. Ob er ihn damit richtig charakterisiert, muss aufgrund der sehr spärlichen Quellenlage über Gerhardts Leben offen bleiben. Tatsache aber ist, dass die meisten der anderen Dichter, die Grass auftreten lässt, heute vergessen oder nur noch Spezialisten bekannt sind.

Paul Gerhardts ewige Ballade vom guten Ende – allen Widrigkeiten zum Trotz – klingt alterslos frisch aus den Chorälen, auch wenn einige seiner leidensverliebten Passionsstrophen heutige Menschen verwirren. Die Kraft seiner Sprachbilder trägt auch im Zeitalter des Rap. Gerhardts fromme Verse frömmeln nicht, weil sie existenziell bedeutsam sind. Günter Grass hat dafür ein Gespür: Er schildert im „Treffen von Telgte“, dass einige besonders schlimme „Saufbrüder“ unter den Dichtern einmal begonnen hatten, „den allzeit würdigen Gerhardt zu hänseln“, aber dass dieselben dann von seinem Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ ganz hingerissen waren.

Gerhardts Lieder, die schon zu seinen Lebzeiten dank seiner musikalischen Freunde Johann Crüger und Johann Georg Ebeling vollständig mit Melodie erschienen, behaupteten sich widerspenstig, als sich Mitte des 18. Jahrhunderts, fast hundert Jahre nach Gerhardts Tod, Theologen der Aufklärung daran machten, die angeblich antiquierten Texte zu verbessern. Bei der Einführung neuer Gesangbücher in Preußen protestierte das Volk. An einigen Orten kam es sogar zu tumultartigen Szenen. Friedrich der Große verzichtete auf eine zwangsweise Durchsetzung der neuen Lieder. Er selbst hatte für Gerhardts Abendlied zwar nur Spott übrig, pochte aber auf Toleranz: „Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist. Was die Gesangbücher angeht, so stehet einem Jeden frei, zu singen: 'Nun ruhen alle Wälder’ oder dergleichen dummes und törichtes Zeug mehr.“.

Bertolt Brecht reizte Gerhardts poetische Gottergebenheit zum Widerspruch. Er parodierte in seinen „Hitler-Chorälen“ den frommen Dichter: Befiehl du deine Wege / O Kalb, so oft verletzt / Der allertreusten Pflege / Des, der das Messer wetzt! / Der denen, die sich schinden / Ein neues Kreuz ersann / Der wird auch Wege finden / Wie er dich schlachten kann. Und der im Sommer 2006 an Krebs verstorbene Robert Gernhardt, der mit seiner Chemotherapie haderte, dichtete zuletzt auf Gerhardts Spuren: Geh aus mein Herz und suche Leid / in dieser lieben Sommerszeit / an deines Gottes Gaben. / Schau an der schönen Gifte Zier / und siehe, wie sie hier und mir / sich aufgereihet haben.

Selbst die Parodie bestätigt die große Kraft der Gerhardt’schen Texte. Noch immer sind sie eine Hilfe für Menschen, die letzte Daseinsfragen umtreiben. Die Ballade vom guten Ausgang aller Dinge, trotz Leid, trotz Teufel, Tod und Hölle, klingt auch im 21. Jahrhundert weiter.