„Koma-Saufen“

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

16. März 2007

Schon wieder muss ich neue Wörter lernen. Flatrate-Party ist so ein Wort. Es bedeutet, dass man für einen Pauschalpreis in Bars oder Kneipen so viel Alkohol trinken kann, wie man will. Das ist eine massive Aufforderung dazu, mehr Alkohol zu trinken, als einem gut tut.

Koma-Saufen ist auch so ein Wort. Es beschreibt das Resultat. Ein schreckliches Resultat. Seit zwei Wochen liegt ein sechzehnjähriger Berliner im Koma und ringt mit dem Tod. Er hatte sich offenbar an einem Tequila-Wetttrinken beteiligt und brach dann in einer Charlottenburger Bar zusammen.

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“ So heißt eine wichtige biblische Einsicht. Es kommt darauf an, rechtzeitig solchen Verführungen zu widerstehen. Das gehört zum Wichtigsten, was Jugendliche lernen können. Deshalb gehört es ganz zentral zur Verantwortung der Eltern. Denn viel hängt vom persönlichen Vorbild ab. An den Erwachsenen liegt es, ob sie einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol vorleben. Von dieser Pflicht dürfen wir nicht durch den Ruf nach dem Jugendschutz ablenken.

Nicht alles dient zum Guten! Jugendliche müssen darüber aufgeklärt werden, dass Alkohol eine Droge ist und was er bewirkt. Sie müssen nicht alle denkbaren Stufen der Alkoholvergiftung selbst erleben, um zu wissen, worum es geht. Neben das gute Vorbild muss die Aufklärung treten.

Aber schließlich stimmt auch: Man muss Menschen davor schützen, sich selbst zu schädigen. Alkoholmissbrauch durch Jugendliche muss wirksam verhindert werden. Doch neue und strengere Gesetze allein sind nicht die Lösung. Solange nur kontrolliert wird, ob das Jugendschutzgesetz in Läden oder Kneipen an der Wand hängt, ist nichts geholfen. Es muss auch darauf geachtet wird, dass wirklich kein hochprozentiger Alkohol an Minderjährige verkauft wird.

Jahr für Jahr steigt die Zahl der Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen, die in unseren Krankenhäusern behandelt werden. Mich erschreckt diese Steigerung sehr. Leider liegt die Zahl der Jugendlichen, die sich besinnungslos trinken und keinen Arzt aufsuchen, noch viel höher.
Merkwürdig genug: Jugendliche, die nicht gegen Bezahlung die gleiche Musik hören oder die gleichen Klamotten tragen würden wie ihre Eltern, sind bereit, beim Alkohol das gleiche Konsumverhalten wie sie an den Tag zu legen. Neben Zigaretten ist Alkohol der in Deutschland am leichtesten verfügbare Suchtstoff. Je schädlicher er sich auswirkt, desto billiger ist er. Man bekommt eine Flasche Korn für 3,50 Euro! Besucher aus dem Ausland können das kaum fassen.
Wir sollten unsere Nachbarn lieber auf andere Weise überraschen!