Dachau: Zeichen der Versöhnung

Evangelische Versöhnungskirche Dachau wird 40 Jahre

27. April 2007

Betongrau duckt sie sich am Ende der Lagerstraße in den Kies, Treppen führen hinunter in einen niedrigen Gang, verwinkelte Mauern und nackte, unebene Wände bestimmen den Raum: Ein schroffer Bau ist die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau - aber doch ein Zufluchtsort und ein Raum der Besinnung an dieser Stätte des Grauens.

Am 30. April 1967 wurde die Kirche eingeweiht. Sie ist bis heute das einzige evangelische Gotteshaus in einer KZ-Gedenkstätte. Am 28. April 2007 feiert die Versöhnungskirche ihr 40-jähriges Bestehen. In einem Gottesdienst mit dem bayerischen Landesbischof Johannes Friedrich feiert die Versöhnungskirche Dachau den 40. Jahrestag der Kircheneinweihung. Überlebende NS-Verfolgte, Angehörige von KZ-Häftlingen und Menschen, die die Arbeit an dieser Kirche prägten, haben ihr Kommen zugesagt.

Nach dem Gottesdienst wird das Buch „Namen statt Nummern - Dachauer Lebensbilder und Erinnerungsarbeit“ vorgestellt. Das Buch enthält 15 Biografien aus dem „Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau“, Kurzbiografien der mehr als 100 evangelischen Pfarrer aus ganz Europa, die in Dachau inhaftiert waren, sowie Informationen zum Projekt "Gedächtnisbuch", zur aktuellen Erinnerungsarbeit und der Gedenkkultur an der Versöhnungskirche. er Öffentlichkeit vorgestellt wird auch die neue Stiftung zur Förderung der Arbeit an der Versöhnungskirche.

Zunächst war an Stelle der Kirche nur ein einfaches Sühnekreuz geplant. Doch der Niederländer Dirk de Loos gab sich damit nicht zufrieden. Der ehemalige Dachau-Häftling und Mitglied im Lagerkomitee "Comité International de Dachau" (CID) wollte in der Gedenkstätte einen regengeschützten Ort der Besinnung schaffen. De Loos trug seine Idee dem Weltkirchenrat in Genf an, von dort gelangte sie zur Evangelischen Kirche nach Deutschland. Am 9. November 1963, dem 25. Jahrestag der "Reichskristallnacht", rief der Rat der EKD seine Mitgliedskirchen in Deutschland - auch in der DDR - auf, insgesamt 1,2 Millionen Mark für eine "Sühnekirche" in Dachau zu spenden.

Es folgte eine Debatte über den Namen des Projekts. Der Begriff "Sühnekirche" erschien vielen ehemaligen Häftlingen ungeeignet, ihnen ging es um Versöhnung für Opfer und Täter. 1964 schrieb die EKD dann einen Architektenwettbewerb für die "Versöhnungskirche" aus. Die Lagergemeinschaft war durch Dirk de Loos im Preisgericht vertreten.

Helmut Striffler, ein 37-jähriger Architekt, überzeugte die Jury mit seinem Entwurf einer Kirche, die wie ein Versteck in den Boden hinein gegrabenen war und dem tödlichen Prinzip der genormten, rechtwinkligen Nazi-Architektur unebene Wände, schiefe Ebenen und stumpfe Winkel gegenüberstellte. Zudem versah er die Kirche mit einem Fluchtweg. "Eine Kirche auf einem ehemaligen KZ-Gelände sollte keine Sackgasse sein", davon ist Architekturprofessor Striffler noch heute überzeugt.

Am 30. April 1967 wurde die Versöhnungskirche schließlich eingeweiht. Der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Kurt Scharf übergab dem bayerischen Landesbischof Hermann Dietzfelbinger die Kirche "in Gebrauch und Obhut". Die Predigt hielt Martin Niemöller, damals einer der Präsidenten des Ökumenischen Rats der Kirchen, der als Häftling Nummer 26679 vier Jahre lang im Dachauer "Bunker" eingesperrt war.

Als erster Pfarrer an der Versöhnungskirche wurde der Pfälzer Christian Reger bestellt, auch er ehemaliger Häftling im "Pfaffenblock" des KZ Dachau. Auf ihn folgten Diakone und Pfarrer, die bis heute von der bayerischen Landeskirche entsandt werden, während die EKD für die Bau- und Sachkosten aufkommt.

Während es in den Anfangsjahren der Versöhnungskirche vor allem um das Gedenken und um die Seelsorge für KZ-Überlebende und Angehörige von NS-Opfern ging, hat sich die Arbeit in den letzten Jahren stark gewandelt. Heute berichtet das Team um Pfarrer Björn Mensing und Diakon Klaus Schultz jedes Jahr fast 7.000 Besuchern bei kostenlosen Führungen über den grausamen Lageralltag im KZ Dachau.

Viele Schulklassen sind darunter. "Ich habe selten erlebt, dass sich Jugendliche zwei Stunden so konzentriert auf ein Thema einlassen", sagt Mensing. Entgegen aller Befürchtungen nehme das Interesse an der NS-Zeit gerade bei jungen Leuten stetig zu, nicht ab.

Gerade arbeiten zwei junge Frauen aus Polen und den USA für ein Jahr als Freiwillige für die "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste". Sogar in der Glamourwelt des Fußballs ist die Versöhnungskirche aktiv: Beim "Erinnerungstag im deutschen Fußball" gedenkt Stadionsprecher vor Spielbeginn jüdischer Fußballer wie Julius Hirsch, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind. Für Diakon Klaus Schultz sind gerade solche Aktionen ein Zeichen, "dass die Versöhnungskirche kein toter, sondern ein sehr lebendiger Ort ist".

Allerdings entkommt auch ein solcher Ort nicht dem Spardiktat. Im Zuge der Konsolidierung hat die bayerische Landeskirche die Diakonenstelle in der Versöhnungskirche ab 2009 um die Hälfte gestrichen. Um die Arbeit trotzdem in vollem Umfang weiterführen zu können, hat das Kuratorium der Kirche eine Stiftung ins Leben gerufen, deren Zinserträge eine ganze Stelle sichern sollen.

Die bayerische Landeskirche stellt 100.000 Euro als Grundstock zur Verfügung, die EKD gibt 50.000 Euro dazu, ebenso wie die Landeskirche von Hessen-Nassau, die damit an ihren ehemaligen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller erinnert. Insgesamt 500.000 Euro müssen es werden, damit die Stiftung ihren Zweck erfüllen kann und die Versöhnungskirche ein lebendiger Ort der Besinnung und kritischen Auseinandersetzung bleibt - heute wie vor 40 Jahren.

Evangelische Versöhnungskirche KZ-Gedenkstätte Dachau

EKD-Pressemitteilung "40 Jahre Versöhnungskirche Dachau"