Gebet und Tat

EKD-Ratsvorsitzender besuchte die Gemeinschaft Sant'Egidio

03. Mai 2007

Der EKD-Ratsvorsitzende in der Kirche Santa Maria in Trastevere

Via Dandolo 10 ist in Rom eine bekannte Adresse. In dem Hinterhaus bekommt jeder, der bedürftig ist, ein warmes Mahl serviert. An drei Abenden in der Woche finden sich dann in der zur Mensa umgestalteten ehemaligen Druckerei Arme, Obdachlose, Ausländer oder Alte, bei denen die Rente nicht reicht, zur Speisung ein.

Mehr als 800 sozial Schwache sind es jeweils, rund zwei Drittel darunter Ausländer, die an diesen Abenden von ehrenamtlichen Helfern bedient werden, wie Leonardo Emberti Gialloreti von der Gemeinschaft Sant'Egidio erläutert. Am Mittwochabend machte sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, während seines dreitägigen Rombesuchs ein Bild vom Engagement dieses Zweigs der ökumenischen Laienbewegung.

Doch mit der Armenmensa sind die vielfältigen Aktivitäten der "Comunità di Sant'Egidio", die ihr Domizil in einem Karmeliterinnen-Kloster im römischen Stadtteil Trastevere hat, längst nicht erschöpft. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinschaft - in Rom sind es mehr als 5.000 - bieten den sozial Schwachen und Entwurzelten auch Waschgelegenheit, Sozialberatung und medizinische Betreuung an. Zudem können sie an festen Terminen zum Friseur, ihren Bedarf an Kleidung decken oder sich mit Essenspaketen eindecken.

Zu Weihnachten werden in der Kirche Santa Maria in Trastevere die Bänke hinausgeräumt und Tische feierlich für eine Weihnachtsvesper eingedeckt, zu dem die Armen eingeladen sind. Zum Angebot in der Via Dandolo gehören auch Italienisch-Kurse für Ausländer, mehr als 2.000 Schüler nehmen jährlich daran teil. Seit diesem Jahr hält Sant'Egidio auch einen kleinen Wegweiser bereit, in dem Menschen vom Rande der Gesellschaft erfahren, wo man in Rom essen, schlafen und sich waschen kann.

Hervorgegangen ist Sant'Egidio aus einer kleinen Initiative junger Leute. Unter dem Eindruck des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) versammelte Andrea Riccardi 1968 gleich gesinnte Altersgenossen. Dieser Kreis von Schülern und Studenten suchte Armenviertel am Rande der italienischen Hauptstadt auf, wo sie sich vor allem um sozial vernachlässigte Kinder kümmerten.

Aus diesen kleinen Anfängen heraus ist inzwischen eine Laienbewegung gewachsen, der weltweit mehr als 50.000 Menschen unterschiedlicher Konfession angehören. Gemeinsames Gebet, Weitergabe des Evangeliums, Dienst an den Armen und Friedensdienst sind in mehr als 70 Ländern die vier Säulen der Gemeinschaft, von der es in Deutschland Ableger etwa in Aachen und Würzburg gibt. Seit 1987 organisiert Sant'Egidio jährlich Friedenstreffen.

Das Gespräch mit Vertretern anderer Konfessionen und Religionen gehört ebenfalls zum Programm. Neben der Solidarität mit den Armen ist es der Friedensdialog, für den sich die Gemeinschaft beharrlich und wirksam einsetzt. Ob in Mosambik, im Kosovo oder Algerien - Vertreter von Sant'Egidio knüpfen Kontakte zwischen verfeindeten Lagern und ebnen so in manchen Fällen den Weg zur Beendigung von Konflikten.

Auf diese Vermittlung gingen die Friedensgespräche zwischen den verfeindeten Bürgerkriegsparteien in Mosambik zurück, die 1992 zu einem Friedensvertrag führten. Im Kloster Sant'Egidio erinnert eine Bananenstaude an diesen historischen Durchbruch.

Wie an jedem Tag gibt es auch an diesem Mittwoch das Abendgebet. Gegen 20.30 Uhr ist die Kirche Santa Maria voll besetzt. Menschen aller Altergruppen, Touristen, Passanten und alteingesessene Bewohner finden sich zu Gebet und Meditation ein, singen Lieder und hören das Evangelium. Bischof Huber, der immer wieder Kontakt zu Sant'Egidio hält und sich später am Abend mit dem Gründer Riccardi angeregt über Gott und die Welt austauscht, zeigt sich beeindruckt von dieser "Welt der Menschlichkeit".

Nach einer halben Stunde ist diese sehr schlichte Form von Spiritualität vorüber. Die Besucher versammeln sich auf dem Vorplatz. Ein Wiedersehen des EKD-Ratsvorsitzenden mit Riccardi steht schon fest - Mitte Mai in Stuttgart bei der Versammlung "Miteinander für Europa", auf der sich christliche Bewegungen und Gemeinschaften für ein Europa des Friedens, der Versöhnung, der Gerechtigkeit und der Einheit einsetzen wollen.

Autor: Rainer Clos (epd)

Die ökumenische Gemeinschaft Sant'Egidio