Kirchen nutzen und gebrauchen

Fakten und Erfahrungen einer nicht endenden Debatte

07. Mai 2007

Baugerüst an der Dorfkirche im mecklenburgischen Barkow

Die Diskussion, ob und wie viele Kirchen entweiht, umgewidmet oder gar abgerissen werden, schwappt immer wieder wellenartig durch die deutsche Medienlandschaft. Gern wird diese Diskussion verbunden mit Mutmaßungen zu der Frage „Wie viele Kirchen sind nötig?“ angesichts kleiner werdender Mitgliederzahlen. So kursieren immer wieder eher zweifelhafte Zahlen durch die Artikel, Berichte und Reportagen. Einige vermuten, dass in den nächsten Jahren gar „über 30 Prozent“ der Kirchen aufgegeben werden müssten, oder ein in München erscheinendes Magazin beruft sich auf „Experten der protestantischen Kirche“, dass mehr als die Hälfte der Kirchengebäude geschlossen werden.

Zunächst einmal die Fakten: Die evangelische Kirchen in Deutschland besitzen etwa 75.000 Gebäude, davon sind knapp 21.000 Kirchen. Die Mehrzahl der Kirchengebäude steht unter Denkmalschutz. Allein 8.000 dieser Gebäude stehen in den an Kirchen reichen, aber mitgliederschwachen östlichen Bundesländern. In der Kirchenprovinz Sachsen, einer Landeskirche, die den Großteil des Bundeslandes Sachsen-Anhalts abdeckt, sind von 2.300 Kirchen mehr als 1.500 vor 1500 gebaut worden. Diese Landeskirche hat 510.000 Mitglieder – alleine dieses Verhältnis deutet bereits die Schwierigkeiten an, die in der Erhaltung der Kirchen liegen.

Dieses Problem hatte die Kirchenprovinz schon einmal: Während der Zeit der DDR konnte man aus anderen Gründen unmöglich alle Kirchen erhalten. Damals bildeten die Verantwortlichen Kategorien: In der ersten Kategorie wurden unbedingt zu erhaltende Kirchen zusammengefasst, in der zweiten Kirchen, die man gerne erhalten wollte, wenn die Ressourcen aufzutreiben seien und in der letzten Kategorie waren Kirchen, die wegen fehlender Ressourcen aufgegeben werden könnten. Es zeigte sich ein Phänomen: Kaum war bekannt geworden, dass eine Kirche in die letzte Kategorie fallen sollte, setzte ein Sturm der Entrüstung ein. Dörfer machten mobil, dass „ihre“ Kirche auf jeden Fall erhalten bleiben sollte. Ein Dorf ohne Kirche war einfach nicht vorstellbar. Viele dieser Kirchen waren es oft, die gleich nach 1990 als Allererste wieder hergestellt worden sind.

Brauchen wir noch alle Kirchen? Können wir noch alle bezahlen? Wie viele Kirchen sind nötig? Das lässt sich nicht rational beantworten. Kirchen sind keine Fabriken oder Konzertsäle. Sie sind in Jahrhunderten entstanden und Teil unseres kulturellen Erbes. Einerseits lässt sich ökonomisch voraussagen, dass die Finanzierbarkeit bei einer – infolge der bekannten demografischen Entwicklung in Deutschland – sinkenden Mitgliederzahl nicht einfacher werden wird. Dabei zeigt sich, dass die Identifikation der Gemeinden – der zivilgesellschaftlichen, der politischen wie der kirchlichen – mit „ihrer“ Kirche und die Bereitschaft, sich mit „Hand- und Spanndiensten“ oder mit Spenden an der Erhaltung der Kirche vor Ort einzubringen, zunimmt.

Deswegen wird die Zahl der Kirchen, die in eine neue Zweckbestimmung überführt oder gar eingerissen, keine wirklichen Dimensionen erreichen (nicht einmal 1.000). Um diesen Moment des Engagements vor Ort zu fördern, haben die EKD und die Landeskirchen vor zehn Jahren die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (Stiftung KiBa) gegründet. Diese fördert die Sanierung von Kirchen und konnte bisher über 320 Projekte mit über 3,2 Millionen Euro fördern. Im Jahr 2007 sind es weitere 100 Projekte mit einer Gesamtfördersumme von über 2 Millionen Euro. Durch diese Förderung werden zusätzliche Drittmittel im Verhältnis 1:10 ermöglicht – die Einrichtung einer eigenen Stiftung für den Erhalt der Kirchen zeigt sich als Erfolgsmodell kirchlicher finanzieller Planungen: Es sind die Menschen vor Ort, die sich für ihre Kirche engagieren.

Den Kirchen als Stätten jahrhunderte langen Gebets kommt eine besondere Bedeutung zu. Menschen identifizieren sich mit „ihrer“ Kirche, sind in dieser Kirche getauft, konfirmiert und getraut worden. Eine nicht sachgerechte Umnutzung kann zu einem Identitätsverlust führen – wer will in der Kirche, in der er einst getraut wurde, morgen eine Diskothek vorfinden? Die Eindeutigkeit der Nutzung, der „Lesbarkeit“ ist dringend erforderlich. Darum steht nicht die Aufgabe oder Umnutzung von Kirchen im Vordergrund der Überlegungen, sondern die Nutzenserweiterung. Wie kann man Kirchengebäude – auch baulich – so in den Stand setzen, dass sie für viele, aber „kirchengemäße“ Zwecke genutzt werden können? Dazu zählen Bürgerversammlungsräume ebenso wie Bibliotheken, Nutzung durch Konzert, Theater oder Kleinkunst. Verkauf oder Abriss ist die ultima ratio. Aber vorher muss man alle Möglichkeiten prüfen, denn eine Frage muss immer zuvor beantwortet werden: Haben wir das Recht, das Erbe, welches wir übernommen haben, wegen finanziellen Fragen, auf die wir heute keine Antwort haben, unseren Nachkommen vorzuenthalten? Es gibt starke Stimmen, die in solchen Fällen einfach eine Notsicherung vorschlagen. So kann selbst eine notgesicherte Kirchenruine zu Bewahrung beitragen und noch als „Denk-mal“ zur Erinnerung dienen, dass der Mensch nicht über alles letztlich verfügen kann.

Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (Stiftung KiBa)