Englisch reden, spanisch kochen, französisch fluchen

EU-Freiwilligendienste bieten Tapetenwechsel und Abenteuer

09. Juli 2007

Freiwilliger beim ehrenamtlichen Dienst in einer Kinder-Tagesgruppe

Mal ist es der Baumschutz auf Malta, dann Theater in Schweden oder der Kampf gegen die Drogensucht in Spanien: Der Europäische Freiwilligendienst ist für Jugendliche Tapetenwechsel und Abenteuer zugleich. "In Belfast habe ich gelernt, am Telefon auf Englisch zu antworten, spanische Paella zu kochen und französisch zu fluchen", berichtet Inken Heldt. Für die Studentin war schon früh klar, dass sie nach dem Abitur nicht gleich wieder die Schulbank drücken wollte.

Inken Heldt informiert als junge "Europabotschafterin" über ihren Einsatz als Freiwillige in einem Friedensprojekt in Nordirland. "Das war supercool", sagt die heute 24-jährige Lehramtsstudentin, für die besonders der Blick über den eigenen Tellerrand wichtig war. So geht es auch Amandine Descamps, die aus der Umgebung von Paris kommt und gerade in einer evangelischen Tagesstätte in Bremen arbeitet. Nach der Schule wollte sich die 18-jährige Französin endlich Zeit nehmen "für etwas Wichtiges".

Sie und Inken Heldt sind zwei von rund 100.000 Jugendlichen, die seit Gründung des EU-finanzierten Programms vor gut zehn Jahren Erfahrungen mit dem Freiwilligendienst gesammelt haben. Immer geht es um gemeinnützige Projekte - von Irland bis Griechenland, von Schweden bis Israel. Sie dauern meist zwischen sechs und zwölf Monate. Wer sich dafür interessiert, sollte zwischen 18 und 25 Jahre alt sein.

Der erste Schritt ist die Suche nach einer Entsende-Organisation wie dem Sozialen Friedensdienst in Bremen, der "Aktion Sühnezeichen" oder den Evangelischen Freiwilligendiensten. "Wir suchen mit den Freiwilligen ein passendes Projekt und kümmern uns um alle Formalitäten", erläutert Silke Wrede vom Bremer Friedensdienst.

Amandine Descamps arbeitet im Kindergarten und betreut nebenher noch eine Kunstwerkstatt für obdachlose Frauen. "Man begegnet neuen Leuten und lernt viel über die Sprache im Gastland - und über sich selbst", sagt die junge Französin. Natürlich verlief ihre Freiwilligenzeit nicht ohne Brüche. Für solche Fälle steht ein Tutor bereit. "Der Erfolg ist von der eigenen Neugier abhängig", betont sie. Und das beste Mittel gegen gelegentliches Heimweh seien neue Freundschaften.

Vorbedingungen gibt es nicht. "Endlich fragt mal niemand nach Schulabschlüssen, Noten und Praktika", bekräftigt Silke Wrede. Die Kosten werden von der EU übernommen, die neben der An- und Abreise auch die Unterkunft, die Verpflegung, ein Nahverkehrs-Ticket und einen Sprachkurs finanziert. Zusätzlich wird - je nach Land - ein monatliches Taschengeld von etwa 120 Euro gezahlt. Dazu gibt es Seminare vor, während und nach dem Dienst.

"Amandine bringt frischen Wind in unsere Einrichtung", freut sich Kindergarten-Leiterin Christel Hahn-Schalk über die Freiwillige. "Mit dem Programm will die EU aber in erster Linie die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen stärken. Sie verknüpft damit Bürgersinn und Solidarität", sagt Frank Peil, Sprecher der deutschen Nationalagentur "Jugend für Europa". Die Einrichtung mit Sitz in Bonn ist eine von 33 Agenturen in 31 Ländern Europas, die im Auftrag der EU die Zuschüsse verteilen.

Doch mit dem Geld aus Brüssel lässt sich die Nachfrage nicht abdecken. Peil spricht von einem "Wahnsinnsdruck". Die Zahl der Bewerber übersteige die der Plätze um das Zehn- bis Zwölffache. Das EU-Budget reiche nur für jeweils 700 bis 800 Jugendliche jährlich, die aus Deutschland entsandt und hier aufgenommen werden könnten.

"Auch wir haben deutlich mehr Anträge als Plätze", bestätigt Martin Schulze, Geschäftsführer der Evangelischen Freiwilligendienste für junge Menschen in Hannover. Auslandserfahrungen seien im EU-Vergleich gerade unter deutschen Jugendlichen besonders gefragt. Die Nachfrage führe zu frustrierenden Absagen und langen Wartezeiten.

Auch vor Ort klappt nicht alles, hat Christina Stüwe in einer irischen Einrichtung für psychisch kranke Menschen erfahren. "Mal ist die Arbeit todlangweilig, mal stressig. Man wird geliebt und gehasst. Diese Spannung muss man aushalten. In jedem Fall ist es eine Lektion fürs Leben."

Europäischer Freiwilligendienst

Deutsche Agentur für das EU-Programm JUGEND für Europa

Internetangebot von JUGEND für Europa, in dem junge Leute über ihre Erfahrungen mit Europa berichten

Deutsche Agentur JUGEND für Europa

Sozialer Friedensdienst Bremen