"Wir sind wie Rettungswagen"

Mosambik: HIV- und Aids-Aktivisten geben Hoffnung

13. Juli 2007

Es ist ein typischer heißer Nachmittag in Chamanculo “D“, einem Elendsviertel unweit der eleganten Vorstädte von Mosambiks Hauptstadt Maputo. Eine Gruppe von zwölf Personen - zehn Frauen und zwei Männer - teilt sich in kleinere zwei- oder dreiköpfige Teams auf und legt fest, wer heute welches Gebiet und welche Häuserblöcke besucht.

Alice Muyanga, Alice Filipe Hunguana und Maria Julia Mahlelela gehören einer Gruppe von HIV und AIDS-Aktivisten an, die regelmässig Hausbesuche in Chamanculo “D“ durchführen. Die unter dem Namen “activistas“ bekannte Gruppe wird vom Länderprogramm der Abteilung für Weltdienst (AWD) des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Mosambik unterstützt.

“Unsere Arbeit das sind Hausbesuche“, sagt Mahlelela, die in der Gemeinschaft liebevoll Mama Maria genannt wird. “Wir haben kein Büro, wo die Leute uns besuchen und um Hilfe bitten können; unsere Büros, das sind die Häuser der Menschen“, erklärt sie.

Die “activistas“ besuchen von HIV und AIDS Betroffene zu Hause und kümmern sich um sie. Ihre Aufgaben sind vielfältig. Sie beraten die Menschen, zeigen ihnen, wie sie sich gesund ernähren können, und begleiten die Patienten zur Behandlung ins Krankenhaus. Sie konfrontieren die Gemeinschaft aber auch mit dem Problem der Stigmatisierung, indem sie öffentlich über das Virus und AIDS sprechen.

Der Stadtteil Chamanculo ist in vier Bezirke aufgeteilt - A, B, C und D -, in denen insgesamt über 800.000 Menschen leben. Die “activistas“ arbeiten im Bezirk “D“, der eine Bevölkerung von rund 80.000 Menschen hat.

Mama Maria erklärt, dass der Name Chamanculo “riesiges Bad“ bedeutet und nach den Überschwemmungen Ende der 1970er Jahre entstanden ist. Der kontinuierliche Zustrom von Tausenden von Binnenvertriebenen, die vor dem Bürgerkrieg in den Jahren 1976 bis 1992 geflohen waren, verschärfte die Infrastrukturprobleme des Stadtteils. Nach dem Krieg kehrten die Menschen jedoch nicht in ihre Heimat zurück. Chamanculo - mit seinen kleinen Häusern aus Stein, Lehm, Blech oder Stroh, die mit Blech- oder Plastikdächern abgedeckt und entlang der engen, staubigen Strassen gebaut wurden, ist zu ihrer Heimat geworden.

In Chamanculo “D“ sitzen zahlreiche junge Männer und Frauen im Schatten der Bäume oder gehen ziellos in den Strassen umher. “Das ist die traurige Geschichte von Chamanculo“, erzählt Hunguana. “Hier herrscht wirkliche Armut. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, die Wohnverhältnisse sind entsetzlich, es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keinen Strom, und dazu kommen noch die Probleme mit HIV und AIDS. Das sind die Schwierigkeiten, mit denen wir in unserer Arbeit tagtäglich zu tun haben“, sagt sie traurig.

Die “activistas“ unterstützen derzeit rund 100 Menschen in dem Gebiet. “Es ist schwer, zu den Familien zu gehen und einfach über HIV und AIDS zu sprechen, ohne sich auch um ihre anderen Probleme zu kümmern“, erklärt Hunguana. Menschenrechtsfragen, sexuelle Rechte und häusliche Gewalt sind wichtige Themen, auf die die “activistas“ in Mosambik in besonderen Kursen vorbereitet wurden.

Auf ihrem heutigen Rundgang treffen die drei Frauen Caroline Siveriano Ncumbe, die als Hausangestellte in Südafrika gearbeitet hat, auf einer Matte im Schatten liegend an.

“Wir waren zuerst völlig schockiert, als sie nach Hause zurückgekommen ist“, erzählt ihre Schwester Maria Julia, eines der sieben Geschwister, die im Ncumbe-Haushalt leben und ihre kranke Schwester pflegen. “Wir wussten, dass sie krank ist, aber wir wussten nicht, wie sehr ihr Körper durch die Krankheit bereits zerstört ist“, erklärt sie. Keines der Familienmitglieder hat eine feste Arbeitsstelle. Sie alle leben von kleinen Gelegenheitsjobs, wie zum Beispiel dem Verkauf von Kleinwaren.

Die “activistas“ freuen sich, dass Caroline so gut umsorgt ist. “Sie hat großes Glück, dass sie von ihrer Familie emotional und psychisch unterstützt wird“, betont Hunguana.

“Ich weiß, dass ich meiner Schwester Kraft geben kann. Ich kenne die Angst und die Qualen, die sie gegenwärtig durchleidet, weil ich das selbst erlebt habe, und ich mache ihr Mut“, berichtet ihr Bruder Atanasio, der ebenfalls HIV-infiziert ist und von der vom LWB unterstützten Gruppe betreut wird. Er war einer der ersten, der im Rahmen des LWB-Wohnungsbauprojekts “Chamanculo D“ eine Unterkunft erhielt. Dieses Projekt für Menschen mit HIV und AIDS umfasst insgesamt zehn Häuser mit zwei großen Zimmern sowie eine Latrine und einen Duschraum.

Seit zwei Jahren besucht Alice Muyanga die 28-jaehrige Olinda Antonio, die ein Kind hat und gegenwärtig bei ihrer Schwester wohnt. “Ich bin sehr froh, dass sie jetzt wieder so viel Kraft hat, dass sie sich selbst versorgen kann“, sagt Muyanga, die sich noch an ihre ersten Besuche bei Olinda erinnert. Damals konnte sie kaum noch alleine gehen und war auf die regelmäßigen Besuche einer Krankenschwester angewiesen. Heute kommen die “activistas“, um sie emotional zu unterstützen und “sicherzustellen, dass sie ihren Behandlungsplan einhält und sich gesund ernährt“, erklärt Muyanga.

Die 43-jaehrige Julieta Marule Novela und ihre zwei Kinder lebten früher in Gaza. Als sie erfuhr, dass sie HIV-positiv war, und ihr ältester Sohn es ablehnte, sich um sie zu kümmern, und dazu noch den größten Teil ihrer persönlichen Habe verkaufte, waren sie nach Chamanculo gezogen. In Maputo sorgten die “activistas“ dafür, dass Novela mit antiretroviralen Medikamenten behandelt und zum Krankenhaus hin und zurück gebracht wird.

“Mir geht es viel besser, seit ich die Behandlung begonnen habe“, erzählt Novela. Sie und die Familie ihrer Schwester haben zwei Nähmaschinen, mit denen sie Kleider anfertigen, um Geld für den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen.

Zufrieden mit Novelas Zustand kehren die Mitglieder des Betreuungsteams ins Gemeinschaftszentrum zurück, um sich neu zu organisieren, mit den anderen zu besprechen und die Arbeit für den nächsten Tag zu planen.

“Activista“ Alice Filipe Hunguana hat als erste in der Gemeinschaft öffentlich darüber gesprochen, dass sie HIV-positiv ist. Mit ihrer Offenheit hat sie einen Beitrag zur Bekämpfung der Stigmatisierung der Betroffenen in Chamanculo “D“ geleistet. Hunguana erzählt, dass viele HIV-Infizierte nicht wollen, dass andere von ihrem Zustand erfahren, “weil AIDS nach wie vor als moralisches und nicht als Gesundheitsproblem gesehen wird.“

Vor fünf Jahren war es für die “activistas“ noch schwierig, Menschen mit HIV und AIDS in der Gemeinschaft zu besuchen. “Einige schlugen uns die Tür vor der Nase zu“, erinnert sich Mama Maria. “Heute kommen die Menschen von alleine zu uns und bitten uns, ihnen zu helfen * einige kommen allerdings nachts.“

“Wir überzeugen die Menschen davon, dass wir für sie da sind. Einige von denen, die wir betreuen, werden später selbst activistas‘.“ Lächelnd fuegt Hunguana hinzu: “Wir sind wie Rettungswagen, jeden Tag stehen wir 24 Stunden auf Abruf bereit.“

Das LWB/AWD-Länderprogramm in Mosambik arbeitet gemeinschaftsorientiert und erstreckt sich auf fünf der zehn Provinzen des Landes.

Lutherischer Weltbund (LWB)