Schutztürme gegen die Flut

Entwicklungsländer suchen nach Strategien, dem Klimawandel zu begegnen

16. Juli 2007

Zehn bis fünfzehn Meter hoch erheben sich die Schutztürme in Bangladesch. Innen geht es eine Treppe hinauf, oben liegen Decken bereit. Hier lagern die Dorfbewohner Saatgut, hier finden sie Schutz, wenn das Wasser kommt. Denn am Golf von Bengalen wird der Monsun immer unberechenbarer, der steigende Meeresspiegel und Schmelzwasser aus den Himalajagletschern drohen immer größere Gebiete zu überschwemmen. Auch jetzt sind die Fluten verheerend.

Der Klimawandel trifft die ärmsten Länder am stärksten und stellt auch die Entwicklungshilfe vor neue Herausforderungen. "Anpassung" heißt das neue Modewort in der Entwicklungszusammenarbeit. Gesucht werden Strategien, dem Klimawandel zu begegnen. In Bangladesch unterstützt das evangelische Hilfswerk "Brot für die Welt" darum den Bau der Schutztürme.

In Afrika hingegen heißt Anpassung vor allem, sich auf Trockenheit einzustellen. Hier werden Pflanzen für den Anbau erforscht, die weniger Wasser brauchen und auch auf versalzten Böden gedeihen. In Afrika gibt es nur sehr wenig Bewässerungsfeldbau. Wenn kein Regen fällt, bleibt auch die Ernte aus. Und im südlichen Teil des Kontinents und im Sahel gehen die Niederschläge schon seit Jahren zurück.

Hier gibt es sie bereits, die Klimaflüchtlinge. Schon seit geraumer Zeit wandern tausende Menschen aus der trockenen Sahelzone in Richtung westafrikanische Küste. Zu häufig waren die Dürren in der Vergangenheit. "Viele Gebiete, die vor wenigen Jahren noch landwirtschaftlich genutzt wurden, sind verloren", sagt Rafael Schneider von der Deutschen Welthungerhilfe. Mittlerweile sei die Zahl der Klimaflüchtlinge höher als die der Menschen, die vor Kriegen fliehen, berichtet Bernhard Walter von "Brot für die Welt".

In einigen afrikanischen Ländern könnten die Ernteerträge nach Berechnungen des Weltklimarats IPPCC schon bis 2020 um die Hälfte zurückgehen. Auch für Zentral- und Südasien, schon heute die Regionen mit den meisten Unterernährten der Welt, prognostizieren die Forscher einen deutlichen Rückgang der Erträge und einen Mangel an Frischwasser.

Bereits jetzt sind die weltweiten Getreidereserven auf einem Tiefstand. Die Preise steigen. Denn Mais und andere Getreidearten sind auch Futtermittel - und die weltweite Nachfrage nach Fleisch steigt rasant, vor allem in den Schwellenländern China und Indien. Ein Drittel der Weltgetreideernte wird an Tiere verfüttert. Hinzu kommt der Boom von Biotreibstoffen, die aus Zuckerrohr, Mais, Getreide oder Palmöl hergestellt werden.

In Lateinamerika werden den Voraussagen der Klimaforscher zufolge in gemäßigten Zonen zwar die Erträge der wichtigen Exportpflanze Sojabohne steigen, in anderen Bereichen werde der Klimawandel aber die Versalzung der Böden vorantreiben. Besonders gefährdet ist die Amazonasregion. Wenn die Temperatur steigt, wird der Boden trockener. Schon in einigen Jahrzehnten könnte sich dort, wo jetzt der tropische Regenwald wuchert, eine Steppe ausdehnen, befürchten Klimaexperten.

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützt im ersten großen bilateralen Projekt zur Klima-Anpassung im Umfang von rund sechs Millionen Euro die ländliche Entwicklungsbank in Indien. Sie will bei Investitionen künftig prüfen, ob diese auch angesichts des zu erwartenden Klimawandels sinnvoll sind. Gefördert werden auch Versicherungen gegen die Folgen des Klimawandels, die auch Armen zugänglich sind.

Aber Entwicklungspolitik in Zeiten des Klimawandels sollte mehr sein als Anpassung an das Unabwendbare, gibt Lorenz Petersen von der GTZ zu bedenken: Deshalb arbeitet man auch daran, Entwicklungsländer am Handel mit Emissionszertifikaten zu beteiligen. Wenn ein Land wie Madagaskar darauf verzichtet, Tropenwälder abzuholzen, wird es belohnt mit Zertifikaten, die es verkaufen kann. Auch "Brot für die Welt" und die Welthungerhilfe setzen auf nachhaltige Forstwirtschaft, Solaranlagen, Erosionsschutz. Wenn die Erderwärmung verlangsamt werden kann, kann man vielleicht auch auf immer höhere Schutztürme in Bangladesch verzichten.

Am 30. Mai 2007 hat sich der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, mit einem eindringlichen Appell an Politik, Gesellschaft und Kirche gewandt, ihre Verantwortung angesichts des Klimawandels zu erkennen und entschlossen zu handeln.

Der Appell des EKD-Ratsvorsitzenden " Es ist nicht zu spät für eine Antwort auf den Klimawandel"