Harry Potter: Märchen oder Realität?

Evangelische Theologen vergleichen die Abenteuer des Zauberschülers mit der christlichen Botschaft

20. Juli 2007

Harry Potter Buchtitel

Kurz vor dem Erscheinen des letzten Harry-Potter-Bandes in England haben Theologen zu einem differenzierten Umgang mit dem Kinderbuch aufgerufen. "Harry Potter ist ein schönes Märchen", sagt der Berliner Sektenpfarrer Thomas Gandow. "Aber er ist nur eine Romanfigur." Die Abenteuer des britischen Zauberlehrlings stehen bei evangelikalen Gruppen auf dem Index. Sie werfen den Büchern vor, Okkultismus zu propagieren. Mit dieser Begründung hatten vor einigen Monaten Chemnitzer Eltern verhindert, dass der erste Harry-Potter-Band im Deutschunterricht eines Gymnasiums behandelt wird.

Dagegen sieht der Berliner Sektenbeauftragte in der Handlung der Harry-Potter-Romane "viel Ähnlichkeit mit der christlichen Botschaft". Sie zeige, dass "der Kampf um das Gute nicht immer einfach" sei. In der Begeisterung jugendlicher Leser für die mehrere hundert Seiten starken Romane sieht der evangelische Theologe auch einen Impuls für die christliche Jugendarbeit.

"Wir machen keine Punkte, wenn wir das Niveau senken" sagte er. Die Verwendung lateinischer Zaubersprüche und komplexer Sachverhalte zeige, dass Jugendliche durchaus in der Lage seien, Gespräche über Lebensfragen "auf hohem Niveau" zu führen.

Auch der Beauftragte der sächsischen Kirche für Weltanschauungsfragen, Harald Lamprecht, sieht vom christlichen Standpunkt aus "keine Probleme". Die Bücher propagierten moralisch verantwortungsvolles Handeln sowie die wichtige Lektion, dass Gut und Böse nicht von Äußerlichkeiten, sondern von Gesinnung und Taten abhingen. Was Harry Potter immer wieder rette, sei nicht Magie, sondern seien Freunde und die Fähigkeit, lieben zu können - ein zutiefst christliches Motiv.

Gleichzeitig gebe es jedoch "Trittbrettfahrer", die die Potter-Manie für die Propaganda esoterischer und neuheidnischer Praktiken nutzten. Dazu zählt der Sektenbeauftragte Mädchenzeitschriften mit Anleitungen zum "Liebes- und Erfolgszaubern" sowie Medienberichte über "echte" Hexen. "Wenn ein Brückenschlag zu Leuten erfolgt, die Lebenshilfe durch Rituale und Magie versprechen, wird es gefährlich", sagt der Pfarrer.

Kinder könnten jedoch im Allgemeinen gut zwischen Fantasie und Realität unterscheiden. "Sie wissen, dass man auch mit einem Plastikzauberstab nicht wirklich zaubern kann", betont Lamprecht. Der Einsatz von Magie bei Harry Potter sei vielmehr eine Art "Technik-Ersatz" und habe mit Esoterik "nichts zu tun".

Besorgten Eltern empfiehlt er, das Buch mit ihren Kindern zusammen zu lesen und darüber zu sprechen - nicht zuletzt, um bei der Verarbeitung der "aufwühlenden" Lektüre zu helfen. Das wird auch im letzten Band nötig sein. Autorin Joanne K. Rowling hat bereits angekündigt, dass zwei der Hauptpersonen getötet werden.

Auf das Ende der Geschichte, deren deutsche Fassung am 27. Oktober in die Buchläden kommt, sind die beiden Sektenbeauftragten ebenso gespannt wie die Fans des Zauberschülers. "Die Bücher werden mit dem moralischen Sieg des Guten enden", ist Sektenpfarrer Gandow überzeugt. Die bisherige Gestaltung der Romane schließe jedoch nicht aus, dass dieser moralische Sieg so schwierig wie die christliche Botschaft - und zudem mit Tod und Sterben verbunden sei.

Das Sterben beliebter Romanfiguren biete auch eine Möglichkeit, mit Kindern über den Tod ins Gespräch zu kommen, empfiehlt der sächsische Weltanschauungsbeauftragte Lamprecht. Gerade weil die Harry-Potter-Bücher frei von religiösen Anschauungen seien, zeigten sie beim Thema Tod eine "Sprachlosigkeit", die mit der christlichen Perspektive auf das ewige Leben durchaus gefüllt werden könne.

Website zu Harry Potter von Warner Bros.