Revision im Fall Sürücü und Integration

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

24. August 2007

Jetzt wird der Name wieder genannt: Hatum Sürücü. Dabei liegt ihr Tod schon zweieinhalb Jahre zurück. Angeblich wegen ihres westlichen Lebensstils wurde sie von einem ihrer Brüder erschossen. Zwei andere Brüder waren bei der Tat dabei. Das Berliner Gericht kam zu dem Ergebnis, ihnen könne keine Mitschuld nachgewiesen werden. Nun beschäftigt sich der Bundesgerichtshof damit. Er entscheidet, ob das Verfahren gegen die beiden Brüder noch einmal aufgenommen werden muss.

Ganz unabhängig von dem Ausgang dieser Verhandlung: Es ist gut dass, der Name Hatum Sürücü in unserer Erinnerung bleibt. Sie steht stellvertretend für Hunderttausende von jungen Frauen. Unsere Werte verpflichten dazu, dass sie ein gleichberechtigtes Leben führen können. Doch sie kommen aus einer Tradition, in der Eltern und Männer die Macht über sie beanspruchen. Der Konflikt ist noch lange nicht ausgestanden.

In unserer Stadt leiten junge Frauen stolz und erfolgreich mittelständische Unternehmen. Aber dicht daneben werden noch immer „importierte Bräute“ zwangsverheiratet. Die aus der Türkei stammende Soziologin Necla Kelek hat das anschaulich geschildert. Sie beschreibt das Beispiel einer Familie, in der die Frauen seit Generationen im Alter von 15 oder 16 Jahren verheiratet werden. Entweder die junge Frau oder der junge Mann kommen im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland. Die Großfamilie lebt von Sozialhilfe; denn kein Familienmitglied geht einer geregelten Arbeit nach. Die Frauen bekommen Kinder und kümmern sich um den Haushalt. Die jungen ins Land geholten Männer erhalten keine Ausbildung. Die älteren Männer werden oft bereits mit vierzig Jahren invalidisiert. Für alle Beteiligten ist das schlecht. Dabei kann es nicht bleiben.

Wie es im Fall Sürücü weitergeht, entscheidet der Bundesgerichtshof. Wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen leben, geht uns alle an. An uns Berlinerinnen und Berlinern liegt es, für ein aufgeschlossenes Klima zu sorgen und für unsere Nachbarn Interesse zu haben. An den in unsere Stadt Zugezogenen liegt es, die deutsche Sprache zu lernen und sich um Ausbildung und Arbeit zu bemühen. Gemeinsam sollten wir dafür eintreten, dass Würde und Selbstbestimmung jeder Frau geachtet werden, egal woher sie kommt. In der Bibel heißt es dazu: „Ein und dasselbe Gesetz gelte für den Einheimischen und den Fremdling, der unter euch wohnt.“