Leipzig: Die Kraft der Gebete

25 Jahre Friedensgebete in Leipziger Nikolaikirche

31. August 2007

Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche

Manchmal verlieren sich nur 20 Menschen in der großen Leipziger Nikolaikirche, ein anderes Mal können die Bänke die Menschenmassen kaum fassen. Das montägliche Friedensgebet, weit über die Grenzen der sächsischen Messestadt bekannt geworden als geistlicher Auftakt für die wöchentlichen Demonstrationen im Herbst 1989, lädt seit 25 Jahren Menschen dazu ein, persönliche Nöte wie auch die großen Probleme der Welt im Gebet zur Sprache zu bringen.

Anfang September 1982, als das Wettrüsten in Europa auf einen neuen Höhepunkt zusteuerte, trafen in einer Leipziger Kirchengemeinde zufällig ein Bibelkreis älterer Frauen mit Mitgliedern der Jungen Gemeinde aufeinander. Aus der Terminüberschneidung entwickelte sich ein Gespräch zwischen den Generationen, in dem die Jüngeren ermutigt wurden, mehr über ihre Probleme zu berichten, erzählt der damalige Jugenddiakon Hans-Joachim Döring.

Kurze Zeit später, am 20. September 1982, bot ein Friedensgebet erstmals auch im öffentlichen Raum der Nikolaikirche Gelegenheit dazu. An Sorgen und Problemen war für die jungen Leute jedenfalls kein Mangel. Die Palette der Forderungen reichte von Friedensdienst statt Wehrkunde bis zur Bewahrung der Schöpfung statt Zerstörung der Umwelt. Auch Punker aus der Hausbesetzer-Szene baten nach staatlichen Razzien um Öffentlichkeit für ihre verhafteten Freunde.

"Einen konstanten Teil der Teilnehmer der Friedensgebete stellte die DDR-Staatssicherheit", erinnert sich Döring. Hinzu kam, dass es auch zwischen den Basisgruppen und den kirchlich Verantwortlichen immer wieder mal "knirschte". Die einen wollten ihren Frust über die beengten Verhältnisse in der DDR loswerden, die anderen die kirchliche Arbeit insgesamt nicht gefährden.

"Es war immer eine Gratwanderung", blickt der damalige Superintendent Friedrich Magirius zurück. "Einerseits sollten die unterschiedlichen Gruppen einen Raum für ihre Anliegen haben, andererseits mussten wir als Kirche auch darauf achten, dass wir den Schutzmantel für die Friedensgebete insgesamt erhalten konnten."

Im Herbst 1989 versammelten sich immer mehr Menschen zu den Friedensgebeten, die so zur Keimzelle der friedlichen Revolution wurden. Um die Nikolaikirche zog Polizei auf, um oppositionelle Demonstrationen im Ansatz zu ersticken. "Jeder Teilnehmer an dieser Andacht hat die große Aufgabe, ein Werkzeug des Friedens zu sein", predigte Pfarrer Gotthard Weidel am 9. Oktober.

Mehr als 70.000 Menschen zogen nach den Andachten in mehreren Leipziger Innenstadtkirchen friedlich protestierend über den Innenstadtring - argwöhnisch verfolgt von einem Großaufgebot von Sicherheitskräften, die sich überraschend zurückhielten - "ein Wunder biblischen Ausmaßes", so Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer.

Das damit eingeläutete Ende der DDR war aber nicht das Ende der Friedensgebete. Bis heute versammeln sich Menschen in der Nikolaikirche und legen öffentlich "Zeugnisse der Betroffenheit" ab. Langzeitarbeitslose schildern ihre Perspektivlosigkeit, christliche Tierschützer bringen ihre Anliegen vor oder Gäste aus Tansania rücken Afrika ins Blickfeld.

Pfarrer Führer, der sich als "ständiger Begleiter" der Gebete sieht, hält sich auch heute nicht mit Kritik zurück. Irak-Krieg, Armut, Rechtsextremismus - er rüttelt auf, um dann aber auf die Bibel zu verweisen. "Wir beten nie gegen etwas, sondern wir bitten immer für und um etwas", betont er. Das war auch 2006 der Fall, als zwei Ingenieure aus dem Leipziger Raum im Irak entführt worden waren. Später bat die israelische Botschaft in Leipzig um Fürbitte für zwei von Palästinensern entführte Soldaten.

Wie 1989 so schwanken auch heute die Teilnehmerzahlen an den Friedensgebeten erheblich. Und das gilt auch für sich anschließende Demonstrationen. Wenn dann Politiker wie Oskar Lafontaine auftauchen, um die Wut der Menschen für die eigene Politik zu nutzen, geht auch Pfarrer Führer auf Distanz. Das Friedensgebet lasse sich nicht instrumentalisieren, betont er. Aber es werde sich künftig weiter einmischen in die "Nöte dieser Welt". Beim Friedensgebet am 10. September soll das 25-jährige Bestehen der Friedensandachten im Mittelpunkt stehen.

Nikolaikirche in Leipzig