Damit die Kirche im Dorf bleibt

Tag des offenen Denkmals zeigt 10.000 Sakralgebäude

05. September 2007

Ein Flash ins 13. Jahrhundert: Bevor die Pressekonferenz zum diesjährigen Tages des offenen Denkmals beginnt, tritt grantelnd und schimpfend ein Mönch vor die wartende Schar der Journalisten in der Regensburger Minoritenkirche. Bruder Berthold hat im 13. Jahrhundert in und um Regensburg die Menschen in einer packend lebendigen Sprache ermahnt, ein Gott gefälliges Leben zu führen – etwa sich davor zu hüten, was die Zunge anzustellen vermag. Bis zu 50.000 Menschen, so die Erinnerung, hätten ihm damals gelauscht, sich von seiner rhethorischen Begabung ansprechen und von seiner blühende Vorstellungskraft anregen lassen.

Allerdings ist der Tag des Denkmals, da sind sich die Vertreter der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Stadt Regensburg, der evangelischen und katholischen Kirche und des bayerischen Landesamts für Denkmalpflege einig, nicht ausschließlich ein Blick zurück in die Vergangenheit, sondern das diesjährige Thema „Orte der Einkehr und des Gebets – Historische Sakralbauten“ öffne auch einen Blick in die Zukunft. Petra Bahr, Kulturbeauftragte des Rates der EKD, und Jakob Johannes Koch vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, wissen „dass die kirchliche Kultur nach wie vor als Herzstück der europäisch-abendländischen Identität gesehen wird“. Die vielen Bürgerinitiativen zum Erhalt von Dorfkirchen geben dafür ein beredtes Zeugnis.

„Wer verarmen will und weiß nicht wie, kauf alte Häuser und baue sie,“ zitiert der Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gerhard Eichhorn, die Inschrift an einem denkmalgeschützten Haus in Wismar. Doch er weiß auch: „Kirchengemeinden brauchen keine alten Gebäude zu kaufen. Sie haben sie.“ Die Kirchen seien mit einem Schatz denkmalwerter Gebäude gesegnet: Kathedralen, Dome, Stadt- und Dorfkirchen, sagt er in der Domstadt an der Donau, von der das Gerücht geht, sie habe so viele Kirchengebäude wie das Jahr Tage hat. Nach Ansicht des Geschäftsführers der Stiftung „ist es wichtig und richtig, den kirchlichen Raum als den oft letzten gesamtgesellschaftlichen Mittelpunkt einer Gemeinde zu fördern“. Für Egon Johannes Greipl, Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege sind Kirchen „Identitätsträger von besonderer Bedeutung, Landmarken, und oft das letzte Zeugnis vergangener Zeit einer heutigen Ortschaft.“

Die Tendenz des Staates, sich aus dem Denkmalschutz zurück zu ziehen, „gefährdet den kirchlichen Denkmalschutz“, mahnt Jakob Johannes Koch. Dies entspreche nicht der Verantwortung des Staates „in diesem Bereich gemeinsamer Anliegen“, weiß der zuständige Referent im Sekretariat der katholischen Bischofskonferenz und rechnet geschwind vor, dass der Staat etwa das 20 mal mehr an Mehrwertsteuer durch Renovierungen im Bereich der katholischen Kirche einnehme als er an Unterstützung für dringende Sanierungsaufgaben zur Verfügung stelle.

Die Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Petra Bahr, hofft, dass die Kooperation im Vorfeld des diesjährigen Tag des offenen Denkmals Schule mache: Nur das gemeinsame Wirken aller gesellschaftlichen Kräfte könne dafür sorgen, dass auch in Zukunft die Kirche im Dorf bleibe und jeder Tag ein Tag des offenen Denkmals sein könne. Sakrale Räume seien mehr als ein großes kulturgeschichtliches Erbe, das es zu pflegen gilt, richtet sie den Blick auf das Leben der Menschen: „Kirchen sind mehr als Museen oder Ausstellungshallen vergangener Glaubenskraft. Sie sind Orte, die in die Zukunft weisen. In ihnen versammeln sich Gemeinden, beten, singen und schweigen Menschen. Damit das auch in Zukunft so bleibt, sind große Anstrengungen gefordert.“

Die evangelische Kirche ist sich der Verantwortung für ihre 25.000 denkmalgeschützten Gebäude bewusst, schätzt aber auch den Wert der Kirchengebäude, die dieses Siegel nicht tragen, aber trotzdem Orte des gottesdienstlichen und gemeinschaftlichen Lebens sind. Das schließt ihrer Ansicht nach offene Probleme nicht aus, sondern ein: „Wie können die renovierten Gebäude in Zukunft genutzt werden, wenn es an einem Ort einmal keine Gottesdienstgemeinde mehr gibt? Was ist in ihnen möglich und welche Nutzung nimmt ihnen die symbolische Kraft, die sie so erhaltenswert macht?“ 1,29 Milliarden Euro wendet die Evangelische Kirche jährlich für den Erhalt ihrer Liegenschaften auf. Die KIBA, die evangelische Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland, unterstützt Renovierungen und Instandsetzungen wertvoller Objekte. Da die staatliche Unterstützung der kirchlichen Denkmalpflege in den letzten zehn Jahren deutlich zurückgegangen ist, während die Zahl bedürftiger Gebäude nach der Wende deutlich zugenommen hat, müssen neue Wege gegangen werden. Kirchen sind öffentliche Gebäude, erinnert Petra Bahr: „Es braucht engagierte Gemeinden, couragierte Bürger, verantwortliche Unternehmer und kluge Politiker – kurz: ein Bündnis vieler Kräfte, um das religionskulturelle Erbe für die Zukunft zu sichern.“

Der Tag des offenen Denkmals am 9. September macht dies mit mehr als 10.000 geöffneten „Baudenkmälern“ in 3.300 teilnehmenden Städten und Gemeinden bundesweit bewusst. Seine zentrale Veranstaltung findet in diesem Jahr in Regensburg statt. Bruder Berthold wird dort an verschiedenen Orten zu hören sein – und zum Abschluss ein Benefizkonzert des Deutschlandsfunks in der Dreifaltigkeitskirche. Das ist eine der wenigen evangelischen unter den vielen Kirchen in Regensburg und ein Beleg wie in einer gelungenen Kooperation zwischen Landeskirche, Deutscher Stiftung Denkmalpflege, Stiftung KIBA und der Wirtschaft ein historischer Sakralbau modern erhalten werden kann.