Zwischen Taufschein und Reich Gottes

Theologen diskutieren Fragen der Kirchenmitgliedschaft

01. Oktober 2007

Sichtlich gerührt reagierte der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, auf die „nachgereichten“ Glückwünsche zu seinem 65. Geburtstag. Einen Monat nach dem eigentlichen Datum hatte die Evangelische Akademie zu Berlin zusammen mit seinen ehemaligen Doktoranden zu einem Symposium über theologischen Fragen der Kirchenmitgliedschaft in die evangelische Tagungsstätte Schwanenwerder in Berlin eingeladen. Über 100 Weggefährten des Theologieprofessors und Bischofs diskutierten am Wochenende, 28. bis 30. September, das Thema „Zwischen Taufschein und Reich Gottes. Kirchenmitgliedschaft in der Spannung von Freiheit und Verbindlichkeit“.

Der Samstagabend war dabei der Gratulation an den 65-jährigen vorbehalten. Für Wolfgang Huber überraschend kam Außenminister Frank Walter Steinmeier als Gratulant zum Abendessen auf dem Rückweg von der Sitzung bei den Vereinten Nationen in New York. Frank Walter Steinmeier würdigte in seiner Festansprache, Hubers Wirken als Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzender. Er sorge dafür, dass die Kirchen sich nicht in den Bereich privater Frömmigkeit abdrängen lassen. Huber sei "zum Gesicht und zur Stimme des deutschen Protestantismus geworden". Genauso überraschend überreichte Arnd Brummer von „chrismon“ dem Ratsvorsitzenden und Mitherausgeber des evangelischen Monatsmagazin die Vorabfassung eines Buches über das „Vater Unser“ überreicht. In dem von Petra Bahr und Joachim von Soosten herausgegebenen Buch, das im November erscheinen wird, haben evangelischen Christen unterschiedlichster Beruf den Bitten im Herrengebet nachgespürt.

Am Abend zuvor hatte der Tübinger Theologieprofessor Eberhard Jüngel in seinem Vortrag „Die ekklesiologische Gefahr“ vor selbstzerstörerischen Tendenzen gewarnt. Äußere Bedrohungen der Kirche seien "noch immer relativ harmlos", sagte Jüngel: "Die eigentlichen Gefahren kommen aus ihr selbst" durch Selbstmissverständnis und Selbstentstellung. Er schilderte eine der von ihm erkannten Gefahren, wenn sich die Kirche nicht mit den Schwächen ihrer Glieder identifiziere. Nicht die Kirche selbst sei das Reich Gottes. Sie bezeuge lediglich sein Kommen. "Der Herr kommt, die Kirche aber wird ein Ende haben - Gott sei Dank", sagte Jüngel. Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber erinnerte daran, dass nach dem Verständnis der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 auch die Kirche zur "nicht erlösten Welt" gehöre.

Miniaturen unterschiedlichsten Verständnisses von Kirchenmitgliedschaft in der Geschichte der Kirche schilderte der Berliner Theologe und Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies. Der Kirchengeschichtler sprach sich, dafür aus, den Zusammenhang von Taufe und Mitgliedschaft auf keinen Fall zu entkoppeln. Eine Mitgliedschaft auch ohne Taufe könne es nur für eine befristete Übergangsphase auf dem Weg zur Taufe geben. Er verwies auf entsprechende Beispiele aus der Kirchengeschichte etwa im antiken Rom, während der Reformationszeit und in den Zeiten der Bekennenden Kirche.

Nach der ökumenischen Kontroverse um das Kirchenverständnis hat Karl Kardinal Lehmann einen weiteren Vermittlungsschritt in Richtung der evangelischen Kirche unternommen. Durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) bestehe die Möglichkeit, "den nichtkatholischen Christen eine echte Zugehörigkeit zur Kirche Jesu Christi zuzusprechen", ließ der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz am Samstag bei einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin zum Thema Kirchenmitgliedschaft erklären. Bei der Berliner Akademietagung las der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, den Text des Kardinals. Lehmann selbst war bei der Einsetzung des Metropoliten der Moldau und Bukowina, Daniel Ciobotea, als neuen Patriarchen der Orthodoxen Kirche in Rumänien. Langendörfer erläuterte, dass in die Gemeinschaft mit Christus, die so genannte Communio, aufgenommen sei, wer die Taufe empfangen habe.

Die Bundestagsvizepräsidentin und Mitglied der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, das Bundestagsmitglied und Mitglied des Rates der EKD, Hermann Gröhe, der Philosoph Professor Rainer Forst und der Ratsvorsitzende diskutierten am Sonntag über die Kirche im 21. Jahrhundert. Der Diskussion vorausgegangen ist ein Gottesdienst, in dem Hermann Barth über einen Abschnitt aus dem Richterbuch des Alten Testaments predigte. Wie er selbst feststellte, mag der eine und die andere bei der Lesung des Predigttextes überrascht gewesen sein: „Wie um alles in der Welt kann jemand bei der Vorbereitung des heutigen Gottesdienstes auf diesen Bibelabschnitt verfallen?“ Dass Gott vor darin angedeuteten kriegerischen Auseinandersetzung der Isareliten das Heer auf ein lächerliches Minimum verringere, werde in dem Abschnitt aus dem 7. Kapitel des Richterbuches deswegen erzählt, damit nach dem Sieg keiner sich des Sieges rühmen könne, sondern Gottes Handeln erkannt werde. Bezogen auf die aktuelle Debatte heiße dies: Wer mit der Einstellung und Zuversicht, dass Gott handle, in den Reformprozess der evangelischen Kirche hineingehe, so der Präsident des Kirchenamtes, werde frei davon bleiben, „seine – sorgsam entwickelten und schon darum heiß geliebten – Reformvorstellungen verbissen zu verfolgen, und acht haben darauf, welchen Weg Gott seine Kirche führt.“ In der anschließenden Diskussion, die auch Gedanken der Predigt aufnahm, bestand zwischen den Mitdiskutanten Einigkeit, dass die evangelische Kirche selbstbewusst ihr Profil zeigen solle, das allerdings weniger zur Abgrenzung, sondern um der Erkennbarkeit willen.

Predigt von Hermann Barth im Wortlaut