Vereinfacht, vergröbert und verschränkt

Wie Apologie des Säkularen zu einer Gegenreligion wird

12. Oktober 2007

Millennium Park in Chigaco

„Ich glaube nur, was ich sehe“, sagt der Evolutionsbiologe Richard Dawkins. Und was er unter dem Elektronenmikroskop, in der Petrischale und in der Welt außerhalb der Labore sieht, spreche gegen Gott. Deshalb hat er ein dickes Buch geschrieben, in dem er alles gesammelt hat, was dieser Wahrnehmung entspricht. Und weil der kluge Wissenschaftler ein brillanter Schriftsteller ist, der das polemische Spiel mit der Sprache wie kaum ein anderer Gelehrter beherrscht, ist sein neuestes Buch auch in Deutschland ein Bestseller, kaum dass es erschienen ist. „Gotteswahn“ steht auf dem Titel. Und der schwarz-rote Hintergrund verkündet schon, was in dem dicken Wälzer Sache ist.

Religion, so der Furor des Autors, ist gefährlich. Religion mache krank, dumm und unfrei. Wie ein Virus habe die Religion sich in der Menschheitsgeschichte festgesetzt, eine Art metaphysischer Wintergrippe, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Als Naturwissenschaftler hat der populäre Autor offenbar nun doch einen Impfstoff gefunden. Es ist die evolutionsbiologische Einsicht in die zufällige Entstehung des Lebens, die nun zu einer Weltanschauung hochgerüstet wird. Eigentlich lohnte es sich jetzt, ins Detail zu gehen. Taugt der Darwinismus als methodisches Prinzip der Erklärung von Leben überhaupt zur Erklärung der Religion? Und was heißt es für die Existenz etwa des christlichen Glaubens, dass in der Natur und in unserem Körper viele Abläufe eher zufällig als notwenig oder gar gesteuert sind? Spricht dieser Zufall wirklich gegen die Existenz Gottes? Wie verhalten sich wissenschaftliche Rationalität und Glaube überhaupt zueinander? Doch solche Detailfragen kann der Leser mit dem neuen Bestseller von Dawkins gar nicht diskutieren, auch wenn die großen Geister des Abendlandes in Philosophie und Theologie probate Antworten auf das schwierige Verhältnis von Religion und Vernunft gefunden haben.

Richard Dawkins befände sich durchaus in der Gesellschaft großer Gelehrter, wenn er so manche populäre Form der so genannten Gottesbeweise mit einem Federstrich vom Tisch wischt. Auffällig ist es schon, dass der Professor aus Oxford sich in seiner Tirade gegen Gott und Religion (übrigens ohne die Unterschiede, in denen sie auftreten) mit dem von ihm geschätzten Immanuel Kant gar nicht auseinandersetzt. Der hat schon vor zweihundert Jahren gegen jede billige Gottbeweiserei die Unterscheidung von wissenschaftlicher Vernunft und dem vernünftigen Glauben an Gott eingefordert. Ein schöner Sonnenaufgang ist kein Beweis für Gott. Aber auch keiner gegen ihn. Nur findet sich in auf den vielen hundert Seiten kaum eine engagierte Auseinandersetzung mit der Theologie und Philosophie der letzten Jahrhunderte. Sie wird eher auf der Oberfläche gestreift. Geradezu obsessiv entfaltet Dawkins dagegen sein Bilderbuch des Schreckens. Von den Kreuzzügen über den Kindesmissbrauch, von Adolf Hitler bis Osama Bin Laden, überall in Geschichte und Gegenwart findet er grausige Beispiele für das Böse, das aus dem Glauben an Gott entsteht. Dieser Bilderbogen aus Fundamentalismus, anti-aufklärerischem Geist, Demokratie- und Freiheitsfeindlichkeit, Ausgrenzung, Gewalt und Entmenschlichung ist für ihn der beste Beleg gegen Gott.

Und an diesem Punkt wird ihm seine eigene Argumentation zur Falle. Den Sinn der Religion sagt er, könne man mit den Mitteln des empirischen Arguments nicht beweisen. In der Welt, die man mit den Methoden der Wissenschaften sichtbar macht, lässt sich Gott nicht finden. Ja, das ist wahr. Nur kann er dann auch nicht mit den Mitteln der sinnlichen Erfahrung widerlegt werden. Keine noch so grausige Perversion des Glaubens an Gott kann als Beleg gegen den Sinn des Glaubens an Gott ins Feld geführt werden. Man kann nicht ein Verfahren mit polemischer Verve ablehnen, dass man dann selbst anwendet.

Richtig ärgerlich wird es allerdings, wenn der Evolutionsbiologe mit seinen Methoden der vergleichenden Beobachtung nun auch Geschichte und Gegenwart durchmisst. Dawkins meidet auffällig alle geschichts- und religionswissenschaftlichen Forschungen, wenn er etwa am Beispiel von Hitler und Stalin zeigt, wie sehr das Christentum die totalitäre Weltsicht samt ihrer menschenverachtenden Folgen befeuert habe. Stalinismus und Nationalsozialismus zeigen Elemente einer politischen Religion, das ist wahr. Nur stellen sie den Sinn des Christentum ja auf den Kopf, weil die Diktatoren sich als Führer buchstäblich an die Stelle Gottes setzen. Deshalb haben beide Systeme ja auf unterschiedliche Weise nicht nur das Judentum, sondern auch das Christentum zutiefst verachtet und verfolgt. Nationalsozialismus und Stalinismus sind deshalb viel eher Belege für die fundamentalistische Gefahr eines radikalen Säkularismus, also der Haltung zum Leben, von der sich Dawkins Heilung von aller religiös motivierten Unmenschlichkeit erhofft. Auch die Reduzierung aller Formen des religiösen Fundamentalismus auf den wahren Kern der Religion lassen sich schon historisch nicht belegen, von ihren Quellen und ihrer Rolle in der Kulturgeschichte ganz zu schweigen. Die Erklärungsmodelle arbeiten mit den Mitteln des Verschweigens. Die Ergebnisse der Forschung zum Phänomen des religiösen Fundamentalismus, die brisante Mischung als sozialem Elend, politischem Vakuum, mangelnder Anerkennung und engen Auslegungen religiöser Traditionen spielen bei Dawkins keine Rolle. Alles ist ganz einfach: wenn es keine Religion gäbe, wäre die Welt ein Paradies.

„Ich glaube nur, was ich sehe“ – diese Maxime mag vorderhand einen großen Reiz haben. Die Fülle von negativen Beispielen, wo Religion versklavt, krank macht und zerstört, die da auf Hunderten von Seiten angehäuft wird, kann einen schon schaudern lassen. Und genau das ist vermutlich das Geheimnis des Erfolgs des brillant geschriebenen Buches. (Man wünschte sich mehr Verteidigungen des Christentums, die so gut geschrieben sind…) Das allgemeine Unbehagen an einer Form der Religion, die, wie im Islamismus, Terror provoziert, oder, wie in Formen eines radikalen Christentums oder Judentums, wissenschafts-, demokratie- und frauenfeindliche Lebensformen ausbildet, wird durch die schiere Zahl der traurigen Geschichten pseudowissenschaftlich verdichtet. So kommt das Buch wie ein großer empirischer Beleg für den Menschheitswahn „Religion“ daher. Bei näherer Betrachtung ist der Erfolg indes einem Trick geschuldet, den schon die New York Times auf den Punkt gebracht hat. Dawkins vereinfacht, vergröbert und verschränkt so geschickt, dass sich „jeder Leser wie ein Genie fühlt“, das die komplexe Welt endlich durchschaut. Wer wollte sich nicht einmal wie ein Genie fühlen?

„Ich glaube nur, was ich sehe“ – wer dieser Maxime folgt, müsste der Redlichkeit wegen auch die andere Kulturgeschichte der Religion erzählen. Die Geschichte der Theologie als Geburtshelferin von Wissenschaft und Aufklärung, die Geschichte der christlichen Ethik als Beförderin der Freiheit des Gewissens, der Orientierung an Gerechtigkeit und der Verteidigung von höchsten Gütern, die man weder sehen noch messen noch für Geld kaufen kann. Diese Geschichte dringt, wenn sie gründlich recherchiert ist, bis ins Innere der menschlichen Vernunft vor. Denn zur Kritik der Religion gehört, wenn man nicht auf halbem Wege stecken bleibt, auch eine Kritik an einem Verständnis von Rationalität und Wahrheit, das seine eigenen Grenzen nicht mit bedenkt. Sonst wird die Apologie des Säkularen unter der Hand zu einer Gegenreligion.