„ER lädt an seinen Tisch“

50-jähriges Jubiläum der Arnoldshainer Abendmahlsthesen

29. Oktober 2007

Abendmahlsszene am Altar der Wittenberger Stadtkirche

Nein, von Nostalgie keine Spur. Der Festakt zum 50jährigen Jubiläum der Arnoldshainer Abendmahlsthesen hätte zwar vielerlei Anlass geboten, aber die Gespräche an historischer Stätte kamen nicht im verklärenden Gewand daher. Im Gegenteil: „Die praktischen Auswirkungen der Thesen sind für uns heute so selbstverständlich, dass wir diesen besonderen Tag beinahe zu feiern vergessen hätten“, bekannte Hermann Düringer, Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Gemeinsam mit der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hatte man dann unter der Überschrift „ER lädt an seinen Tisch“ aber doch noch termingerecht zum Jubiläum nach Hessen gebeten.

Zur Erinnerung: Am 1. und 2. November 1957 hatten 19 Professoren der Theologie im Auftrag des Rates der EKD tief im Taunus mit den Abendmahlsthesen eine vier Jahrhunderte währende innerevangelische Kontroverse überwunden. Fortan konnten Christen lutherischen, reformierten und unierten Bekenntnisses gemeinsam Abendmahl feiern. Auf der Basis dieser Gemeinsamkeit entstand zehn Jahre später die Arnoldshainer Konferenz; die Kernsätze der Arnoldshainer Thesen wurden später in die Leuenberger Konkordie aufgenommen und bilden das theologische Fundament der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft reformatorischer Kirchen in Europa.

Eine Erfolgsgeschichte also und Grund genug, mit Wehmut oder Verve die Zeiten zu besingen, in denen solche Meilensteine auf dem Weg zu mehr Gemeinsamkeit möglich waren. Und natürlich erinnerten sich die Geladenen gern. Aber der Blick zurück war immer auch ein Blick nach vorn, die Wertschätzung des Erreichten immer verbunden mit der Frage nach Möglichkeiten weitergehender Gemeinsamkeit – in der Ökumene wie auch unter den protestantischen Kirchen. Die besondere Bedeutung der Arnoldshainer Abendmahlsthesen machte der Bielefelder Theologe Andreas Lindemann dann auch daran fest, dass ihre Aussagen mit dem Vorsatz formuliert wurden, konfessionelle Differenzen zu überwinden. Der Neutestamentler hob auch den „nicht eben häufigen Vorgang“ hervor, dass Einsichten der Exegese konkrete Folgen für die kirchliche Realität hatten.

Obwohl an der „epochalen kirchengeschichtlichen Bedeutung“ der Abendmahlsthesen auch der Hamburger Theologe Peter Cornehl nicht rütteln wollte, wies er darauf hin, dass von den Thesen keine wesentlichen Impulse für eine Belebung der Abendmahlspraxis in den Gemeinden ausgegangen seien. Die „Wiederentdeckung des Abendmahls“, wie sie vor allem auf den Kirchentagen der 70er und 80er Jahre stattgefunden habe, sei vielmehr Anstößen aus der Ökumene zu verdanken gewesen. „Wir haben die Relevanz und Aktualität des Sakraments entdeckt, als wir entdeckten, dass das Abendmahl eine Antwort ist auf die elementaren Lebensfragen unserer Zeit. Ungerechtigkeit und Hunger, der Hunger nach Brot und der Hunger hinter dem Hunger, die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Sinn und Gewissheit; Trennungen und Spaltungen, Hass und Gewalt, Versöhnung und Frieden – die Themen unserer Lebenswelt sind Abendmahlsthemen“. Mit Blick auf den derzeitigen Stand der Ökumene bemerkte Cornehl nüchtern, „dass die kirchenleitenden Bemühungen der Konsens-Ökumene ‚oben’ ebenso wie die eucharistische Aufbruchsbewegung ‚unten’ an der Basis ihre Dynamik verloren haben“. Es bedürfe neuer Anstöße, um diese Dynamik wiederzugewinnen. „Kann die Besinnung auf das Erbe von Arnoldshain dafür neue Impulse geben?“

Einen möglichen Weg eröffnete Jan-Gerd Heetderks, Ratsmitglied der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE): Er unterstrich den Modellcharakter der Arnoldshainer Abendmahlsthesen für die Ökumene und fragte, ob in der Zeit der Säkularisierung „neben der Ökumene der Profile, die viel Nachdruck legt auf die Unterschiede, und neben der Ökumene des gemeinsamen Bekennens, die oft die Basis, die Kirchengemeinde kaum mehr erreicht, nicht noch ein neues Bewusstsein des Zusammengehörens wachsen muss.“ Dieses neue Bewusstsein, das beispielsweise als „Ökumene der Komplementarität“ bezeichnet werden könne, müsse „lernbereit“ sein, und damit rechnen, „dass der Geist Gottes vielleicht noch einmal ganz andere Wege mit uns geht und auf eine Art im ökumenischen Partner wirksam ist, mit der wir nicht rechnen“.

Ganz im Zeichen ökumenischer Fortbewegung stand schließlich auch die Predigt des Jubiläums-Abendmahlsgottesdienstes von Bischof Martin Schindehütte, dem Auslandsbischof der EKD und Leiter des Amtes der UEK. Schindehütte lenkte die Aufmerksamkeit noch einmal auf den aus den Abendmahlsthesen stammenden Titel des Festaktes: „ER lädt an seinen Tisch“. Dass also Christus derjenige sei, der zu seinem Mahl einlade, und nicht die Kirche, begründe einen „segensreichen Perspektivwechsel für die erhoffte und erbetene Einheit unserer Kirche und ihre ökumenische Zukunft.“ Am Beispiel biblischer Schlüsseltexte zur Gastfreundschaft – etwa der Erzählung von Abraham und Sara, die in Mamre drei Fremde zum Mahl bitten und dabei selbst Empfangende werden, indem ihnen ein Sohn verheißen wird – machte Schindehütte deutlich: „Die Logik der Gastfreundschaft ist umgekehrt. Bestimmend ist nicht die Wirklichkeit des Gastgebers, sondern die des hinzutretenden Herrn.“ Die unterschiedlichen, historisch gewachsenen Gestalten und die aus Geschichte und Gegenwart differierenden Lehrunterschiede, betonte der Leiter des UEK-Amtes, „behalten ihre Bedeutung in dieser Perspektive“. Aber diese Differenzen und Auseinandersetzungen verlören ihren trennenden Charakter am Tisch des Herrn: „Die eucharistische Gastfreundschaft, die Lebensfreundschaft Christi macht uns klar: Wir sind auch als Kirche weder Geber noch Gastgeber, wir sind Empfangende. Auch unsere Logik als Kirche ist umgekehrt. Bestimmend ist im Grunde nicht die Gestalt, die wir unserer Kirche geben, bestimmend ist der die Kirche schaffende und erhaltende Herr.“