Ratsbericht zum Start der Synodaltagung

114 Synodale haben Beratungen aufgenommen

04. November 2007

„Kirche soll sich politisch einmischen.“ Mit dem ersten Beitrag zu Beginn der Plenarsitzung der 10. Synode der EKD forderte der Chef des Bundeskanzleramtes, Minister Thomas de Maizière, die seit 60 Jahren bestehende Trennung und das gestaltete Miteinander von Staat und Kirche in Deutschland aktiv zu leben. Er warnte davor, dass die Kirche sich an der häufigen politischen Geschwätzigkeit beteilige, sondern sie solle aus dem Christentum Impulse setzen. Wo dies gelinge, werde auch ein Christ ein „homo politicus“ im wirklichen Sinn des Wortes. Dabei dürfe die Kirche mehr aufs Ganze schaue, wie er sich auch wünsche, dass die Politik nicht den einzelnen Menschen aus dem Blick verliere.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, hat anschließend in seinem Bericht vor der Synode entschiedenere Anstrengungen zur Überwindung der Kinderarmut gefordert. "Kinder brauchen als eigenständige Geschöpfe auch ein eigenes existenzsicherndes Kindergeld", sagte Huber am Sonntag zum Auftakt der EKD-Synode in Dresden. Dieses könne Kinder davor bewahren, "dass Armut in dieser Gesellschaft erblich wird".

Armut äußere sich nicht nur in materieller Armut, sondern in Bildungsarmut, Beziehungsarmut und mangelnder Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben, betonte der Berliner Bischof. "Um armen Kindern Teilhabe in unserer Gesellschaft zu ermöglichen, ist es nötig, die Zuwendungen kindgerecht und das heißt am tatsächlichen Bedarf der Kinder zu orientieren", mahnte Huber.

Wolfgang Huber hat das Ja der EKD zum Recht der Muslime, in Deutschland Moscheen zu bauen, bekräftigt. Damit sei die kritische Auseinandersetzung über den Ort, die Größe und die Zahl islamischer Gotteshäuser nicht ausgeschlossen. Zugleich mahnte er das uneingeschränkte Recht von Muslimen an, zum Christentum überzutreten. Die evangelische Kirche bejahe die freie Religionsausübung von Muslimen in Deutschland, betonte der Ratsvorsitzende. "Wir machen unser Ja zur freien Religionsausübung von Muslimen nicht von der Frage abhängig, ob islamisch dominierte Länder den dort lebenden Christen Religionsfreiheit gewähren und auch den Übertritt zum Christentum als Ausdruck der Religionsfreiheit achten", sagte Huber.

Die evangelische Kirche trete für die Religionsfreiheit als universales Menschenrecht ein, unterstrich Wolfgang Huber. Sie finde sich nicht damit ab, dass insbesondere Christen derzeit unter Einschränkungen und Verletzungen dieses Menschenrechts zu leiden hätten. "Zu fordern ist in diesem Zusammenhang auch, dass Muslime, die in unserem Land zum Christentum übertreten, deshalb genauso wenig bedrängt werden wie Christen, die zum Islam übertreten", so der Ratsvorsitzende.

Der EKD-Ratsvorsitzende bekräftigte, die evangelische Kirche trete weiterhin "für gute Nachbarschaft zwischen Christen und Muslimen in Deutschland" ein. Dieses Ziel hatte der Rat der EKD in einer im vergangenen Jahr vorgelegten "Handreichung" zum Verhältnis von Christen und Muslimen formuliert.

Zur Kontroverse über die Evolutionstheorie über die Entstehung des Lebens sagte der oberste EKD-Repräsentant, unter dem Stichwort Kreationismus würden die biblische Schöpfungsberichte missbraucht. Mit der Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer in eine Form der Welterklärung habe das Christentum immer wieder Schiffbruch erlitten. Damit werde das Bündnis von Glaube und Vernunft aufgekündigt.

In diesem Zusammenhang attackierte Huber auch die "neuen Atheisten". Deren prominentester Vertreter, der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins, mache die Verfechter des Kreationismus zu den Hauptrepräsentanten von Christentum und Religion. Dawkins Polemik gegen religiöse Erziehung und das Gottesbild des Alten Testaments lasse historischen Sinn und moralische Proportion vermissen. Glaube und Wissen müssten unterschieden werden : "Weder ist die Bibel ein Naturkundebuch, noch vermag die Naturwissenschaft Aussagen über Gott zu machen", sagte Huber.