Leben – weben – sein

Journalistin legt Aeropagrede aus

05. November 2007

Greim Haspel

Paulus predigte auf dem Aeropag in Athen, Ulrike Greim-Haspel interpretiert seine Predigt vor dem Plenum der Synode. Gott „ist nicht ferne einem jedem von jeder uns,“ erinnert Paulus die Männer auf dem Aeropag. Das galt damals den Menschen in Athen, Ulrike Greim-Haspel betont für heute: „Das gilt für Christinnen im überalterten Dorf in der Lausitz oder im Saarland genau so, wie für Christen in München und Hamburg. Das gilt für die orthodoxe Frau in Minsk, wie für den Pfingstler in New York.“

Die Bibelarbeiterin ist Korrespondentin für DeutschlandRadio Kultur und Deutschlandfunk in Thüringen und sitzt im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Augenscheinlich ist die Journalistin jünger als der Durchschnitt derer, die sich in Synode, Kirchenkonferenz und Rat von ihr an diesem Morgen des zweiten Sitzungstages einen biblischen Text aus der Apostelgeschichte auslegen lassen. Als große Ehre und „nicht kleine Herausforderung“ hat sie die Aufgabe bezeichnet, vor den Beratungen des Schwerpunktthemas „evangelisch Kirche sein“ die Heilige Schrift auszulegen: „Gott setzt uns in Bewegung. Er will, dass wir seine Gesichter suchen in der Schöpfung der Welt. Dass wir staunen über seine Vielfalt. Dass wir sehen, wie die Erde eins ist, wie unteilbar alles zusammen gehört. Wir können alles, wenn wir die Böden unter unseren Füßen spüren. Und respektieren. Der Aufbruch beginnt, wenn wir ankommen, wo wir sind. Und er mündet in eine Bewegung. Hin zum Nächsten. Sei er Stoiker, Agnostiker, Atheist oder Muslim.“

Gespanntes Zuhören im Plenum. „Was wird mit dem Schwerpunktthema werden?“ Schon am Vortag haben die Synodalen Gelegenheiten genutzt, diese Frage zu stellen: ob das Thema mit der Überschrift richtig formuliert sei, ob der Entwurf für die Kundgebung aus dem Vorbereitungsausschuss dem Thema angemessen sei, ob die Zeit für die nötigen Debatten ausreicht. Und Ulrike Greim-Haspel sagt am Rednerpult: „Stellt Euch mit beiden Beinen auf den Boden der Tatsachen, nehmt euern Kontext wahr, achtet, die vor euch waren, wisset um die Geschichten, atmet den Atem des Schöpfers. Dann werdet ihr leben. Und weben. Und sein.“

Das gehört zur Praxis des Schwerpunktthemas auf einer Synodaltagung – bevor die Synode diskutiert, lässt sie sich von anderen, von Nicht-Mitgliedern einen biblischen Text auslegen und ein Grundsatzreferat halten. Das wird im Anschluss an die Bibelarbeit der Bonner Theologieprofessor Eberhard Hauschild machen: „Organisation der Freiheit. Evangelisch Kirche sein verändert sich“. Ulrike Greim weiß, dass Leben und Suchen zusammen gehört: „Wenn wir ihn – gemeint ist Gott – suchen, wenn wir barfuss werden, seine Spur aufnehmen, dann leben wir. Dann können wir auch Grenzen überspringen, ohne uns zu weit raus zu wagen. Wir fühlen ja immer noch. Dann können wir Grenzen verrücken, uns in neuen Grenzen zurechtfinden, ohne Angst. Dann können wir – behutsam versteht sich – einen eng gesteckten Rahmen erweitern. Nicht unendlich. Aber immerhin. Wir können hinauswachsen über unsere Herkunftsfamilien, über unseren kleinen regionalen Horizont, weit über unseren Kirchturm. Wir können den Geruch der großen weiten Welt atmen, den Mief hinter uns lassen und die Welt erobern, ohne Bodenkontakt zu verlieren. Frei und geerdet zugleich. Wir können seiner Spur folgen. Er ist ein Gott in Bewegung.“

Die Journalistin erinnert die Synodalen, dass Gott sich finden lassen will: „Er will sich finden lassen am Elbufer, wie im staubigen Sand der Townships von Kapstadt, er ist zu fühlen in den breiten Straßen Moskaus, wie in den engen Schluchten von Harlem. Dort ist er anders. Aufregend anders. Gott setzt uns in Bewegung. Er will, dass wir seine Gesichter suchen in der Schöpfung der Welt. Dass wir staunen über seine Vielfalt. Dass wir sehen, wie die Erde eins ist, wie unteilbar alles zusammen gehört.“

Es ist die eine Botschaft, wie sie auch in der Apostelgeschichte steht: „Den in ihm leben, weben und sind wir.“