Können sie nicht warten?

Ein Gerücht geht um: Frühstart bringt Unglück

15. November 2007

In manchen Familien gibt es die Tradition, dass am Buß- und Bettag gemeinsam Orangeat und Zitronat geschnitten, Mehl gewogen, Sultaninen genascht und der Teig gerührt wird: Der traditionelle Weihnachtsstollen wird gebacken – in der Vielfalt aller möglichen Rezepturen. Der gebackene Laib bleibt dann bis zum Weihnachtsfest liegen, um gut abgelagert zu sein – dann schmeckt er am besten. Wer dem Schnippeln und Rühren, Backen und Spülen aus dem Weg gehen will, kauft den Weihnachtsstollen vielleicht in Dresden. Beim Kauf eines echten Dresdner Christstollens erfährt der Kunde unter Umständen, dass es Unglück bringt, das feine Gebäck vor dem Weihnachtsfest anzuschneiden.

Für viele gehört der brotlaibförmige Kuchen zum besonderen Geschmack der Weihnachtszeit – und eifrige Geschäftemacher versprechen den Geschmack schon auch mal vorab: „Kannste nicht warten?“ fragt eine in den Szenekneipen der Bundesrepublik verteilte Karte, ein bisschen hochsprachlicher der Internetauftritt www.advent-ist-im-dezember.de: „Können Sie nicht warten?“ Ob umgangssprachlich oder in Schriftsprache – die Botschaft ist eindeutig: „Alles hat seine Zeit. Advent ist im Dezember“. Das gilt auch für den deutschen Schienenverkehr. Wo sonst ab und zu mal Verspätungen angesagt sind, hat die Deutsche Bahn in diesem Jahr einen Frühstart hingelegt: Das „vorweihnachtliche Angebot“ in den Bistros und Speisewagen bietet den Reisenden ein Stück Dresdner Christstollen mit einer Tasse Kaffee. Weihnachtsgeschmack gehört in die weihnachtliche Zeit, vorweihnachtliches in den Advent.

Im Jahresrhythmus hat der November durchaus seinen eigenen Sinn, die Vorfreude auf die Weihnachtszeit kann im Dezember bleiben. Die Erinnerung an die Toten zweier Weltkriege und die Opfer der Naziherrschaft am Volkstrauertag, die Bitte um den Frieden am Buß- und Bettag und die Erinnerung an die Verstorbenen des vergangenen Jahres am Ewigkeitssonntag oder Totensonntag gehört ebenso zum Leben im Lauf eines Jahres wie der Duft von Lebkuchen und Kerzen. Und das Gerücht, dass ein zu früh angeschnittener Stollen Unglück bringe, erinnert zumindest daran, dass nicht nur im Sport jeder Frühstart bestraft wird.

In diesen Wochen ist es dunkel in unseren Straßen und häufig auch in den Häusern. Der „Seelenmonat“ November steht im Zeichen der Besinnung. Aber alle ahnen, dass diese Dunkelheit nicht das letzte Wort ist und freuen sich dann, wenn mit dem ersten Advent die Weihnachtsbeleuchtung in die Städte kommt, der Trubel der Weihnachtsmärkte das neue Leben aufscheinen und die Vorfreude auf das Weihnachtsfest nicht nur Kinderherzen fröhlich springen lässt. Aber eben alles zu seiner Zeit – und Advent ist im Dezember.

EKD-Aktion "Advent ist im Dezember"