Trauernde Eltern – schmerzvolle Pietà

Das Oeuvre von Käthe Kollwitz mahnt gegen alle Kriege

16. November 2007

Plastik von Käthe Kollwitz auf dem belgischen Soldatenfriedhof Vladslo

Peter, ihr ältester Sohn, ist zu Beginn des ersten Weltkriegs in Belgien gefallen. Peter, ihr ältester Enkel, ist 1943 während des zweiten Weltkriegs in Russland gefallen. Kaum ein Künstlerleben haben die beiden Weltkriege so geprägt wie das der 1867 in Königsberg geborenen und wenige Tage vor dem Ende des zweiten Weltkriegs in Moritzburg verstorbenen Käthe Kollwitz. Ihre 1932 fertig gestellte Plastik „Das trauernde Elternpaar“ ziert seit 50 Jahren den belgischen Friedhof Vladslo, auf dem auch die sterblichen Überreste ihres Sohnes beerdigt sind. Wie ein roter Faden zieht sich die Trauer der Mütter, die ihre Söhne im Krieg verloren haben, durch ihr Werk, wusste sie doch, dass „immer die Eltern, die Frauen, die Mütter“ die wirklichen Verlierer der Kriege sind.

„Nie wieder Krieg“ steht in schreienden Lettern auf einem der von ihr gestalteten sozialpolitischen Plakate. Eine junge Frau hat den Arm zum Protest erhoben und den Mund so weit geöffnet, dass ihr Schrei gegen den Krieg nicht zu überhören ist. Käthe Kollwitz war das erste weibliche Mitglied der „Preußischen Akademie der Künste“. Immer wieder sah sie sich durch sozialpolitische Themen in ihrem künstlerischen Schaffen herausgefordert: „Krieg“ – „Bauernkrieg“ – „Hunger“ – „Proletariat“ sind Zyklen der Künstlerin aus verschiedenen Schaffensperioden überschrieben. Ihre „Pietà“ steht in der Neuen Wache in Berlin. An die trauernde Mutter Jesu erinnernd, birgt die Statue das Leid aller Mütter dieser Welt, die ihre Söhne durch menschliche Gewalt verloren haben.

„Das trauernde Elternpaar“ auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Belgien kniet: der Vater aufrecht, die Mutter in sich selbst versunken. Jahrzehntelang hat Käthe Kollwitz an diesem Entwurf gearbeitet, den Tod ihres Sohne Peter immer vor Augen. Mehrmals war sie selbst in Belgien – in unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes, auf dem er gefallen ist. So wie heute die beiden Statuen aufgestellt sind, blicken die verwaisten Eltern auf die Gräber, die der Krieg hinterlassen hat.

Anders die Pietà: Nur noch die Mutter ist zu sehen, sie birgt in ihrem Schoß das verstorbene Kind, als wolle sie es nachträglich vor der Gewalt dieses Welt schützen. In den Monaten vor Beginn des zweiten Weltkriegs ist dieser Entwurf entstanden, als sie selbst wegen des Ausstellungsverbot der Nationalsozialisten ihre Bilder anlässlich ihres 70. Geburtstages nur privat in ihrem Atelier ausstellen konnte.

Keine andere Künstlerin hat den Schrecken der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert so ein ehrliches und damit erschreckend trauriges Gesicht geben können. Die Plastiken und die Grafiken von Käthe Kollwitz sind auch über 60 Jahre nach ihrem Tod in Moritzburg eine bleibende Mahnung und Erinnerung – wie auch der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr, dem Volkstrauertag, an dem der Opfer der beiden Weltkriege und die Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird. Das Leiden und die Trauer der Mutter und Großmutter Käthe Kollwitz, das Leidern und der Trauer der Mütter dieser Welt mahnt die Lebenden gegen alle Gewalt einzutreten und sich auf den Frieden als Ernstfall vorzubereiten und wird der Botschaft der Künstlerin Käthe Kollwitz gerecht: „Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so rastlos und hilfsbedürftig sind.“

Friedensdenkschrift des Rates der EKD

Käthe-Kollwitz-Museum in Köln