Reue und Leid oder das Erschrecken über die Sünde

Buß- und Bettag hat lange und abwechslungsreiche Geschichte

19. November 2007

Hinweis auf den Buß- und Bettag an einer Haltestelle

„Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße’ usw. (Matthäus 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Mit diesem Gedanken beginnt 1517 die Reformation. So lautet die erste der 95 Thesen Martin Luthers. Verkürzend wird manchmal festgestellt, der Gedanke der Buße stand am Anfang der evangelischen Kirche. Obwohl diese Formulierung dem Irrtum aufsitzt, dass es eine evangelische Kirche erst seit Martin Luther gebe, ist ohne Frage allerdings der Gedanke richtig, dass Buß- und Bettage und ihre Tradition gerade zu der Geschichte der evangelischen Kirchen gehören.

In Straßburg ist 1532 erstmals ein protestantische Buß- und Bettag offiziell eingeführt worden – in Zusammenhang mit einer Anordnung des Kaisers zum Gebet gegen die Türken. Das war gerade einmal 15 Jahre nachdem Martin Luther gegen die damaligen Bußübungen protestierend seine Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt hat, und zwei Jahre nachdem in der Confessio Augustana, dem Augsburger Bekenntnis für die Kirchen der Reformation festgestellt wurde: „Von der Buße wird gelehrt, dass diejenigen, die nach der Taufe gesündigt haben, jederzeit, wenn sie Buße tun, Vergebung der Sünden erlangen und ihnen die Absolution von der Kirche nicht verweigert werden soll. Nun ist wahre, rechte Buße eigentlich nichts anderes als Reue und Leid oder das Erschrecken über die Sünde und doch zugleich der Glaube an das Evangelium und die Absolution, nämlich dass die Sünde vergeben und durch Christus Gnade erworben ist“ (Artikel 12).

Seinen Ursprung haben Feiertage zur Buße eigentlich in antiken Religionen – gemeinsam gefeierte Tage um die Götter gnädig zu stimmen. Im Christentum können unterschiedliche Funktionen mit einem öffentlichen und gemeinsamen Bußtag verbunden werden: das fürbittende Eintreten der Kirche für die Schuld der Gemeinschaft vor Gott, die Ausübung der Wächterfunktion der Kirche den Sünden der Zeit gegenüber und als Einladung an den Einzelnen, sein Gewissen vor Gott zu prüfen.

In der Zeit nach der Reformation haben Bußtage inflationär zugenommen: In den deutschen Ländern konnte etwa im Jahr 1878 in 28 deutschen Ländern insgesamt 47 verschiedene Bußtage an 24 unterschiedlichen Tagen gezählt werden. Anfang der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde von der Eisenacher Konferenz erstmalig ein einheitlicher Buß- und Bettag vorgeschlagen. 1883 beschlossen die Preußen deren Zusammenlegung auf einen gemeinsamen Tag. Doch erst 1934 wurde der Tag gesetzlich geschützter Feiertag in Deutschland, festgelegt auf den Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr. Nur fünf Jahre später wurde er durch einen „Erlass des Führers und Reichskanzlers“ faktisch abgeschafft: er verlegte den Feiertag auf einen Sonntag.

Nach Kriegsende wurde der Buß- und Bettag wieder eingeführt: In der DDR war er ein arbeitsfreier Feiertag, bis er 1966 im Zuge der Einführung der 5-Tage-Woche wieder abgeschafft wurde. Die westdeutschen Bundesländer – mit Ausnahme des Freistaates Bayern – erklärten ihn nach dem Krieg zum gesetzlichen Feiertag. Bayern zog 1952 nach, jedoch wurde der Tag zunächst nur in Regionen mit überwiegend evangelischer Bevölkerung begangen. Ab 1981 war der Buß- und Bettag auch in den anderen Regionen Bayerns arbeitsfrei.

Nach der Wiedervereinigung wurde der Buß- und Bettag auch von allen neuen Bundesländern übernommen und war somit ab 1990 ein deutschlandweiter Feiertag. 1995 wurde der staatliche Schutz dann – außer im Freistaat Sachsen – zugunsten der Finanzierung der Pflegeversicherung abgeschafft.

Die Sachsen sehen sich in ihrem Einsatz für den Erhalt des Feiertags zwölf Jahre danach bestärkter denn je. Die Abschaffung habe volkswirtschaftlich nichts gebracht. Der Effekt, eine Beitragserhöhung für die Pflegeversicherung zu verhindern, sei schnell verpufft, sagt der sächsische Bischof Jochen Bohl. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck gestaltet alljährlich – auch stellvertretend für die anderen Gliedkirchen – inhaltlich eine internetgestützte Kampagne "www.busstag.de". 2007 lautet das Motto "Warum?".

An der Basis jedoch wirkt der Buß- und Bettag weiter. In vielen Gemeinden – oft auch in ökumenischer Zusammenarbeit – werden Schulgottesdienste oder Abendgottesdienste angeboten. Dabei werden häufig andere Menschen erreicht als beim klassischen Sonntagsgottesdienst. Kammermusik-Gottesdienst, Kerzennacht, Gesprächsgottesdienst – die Phantasien in den Kirchengemeinden sind vielfältig. „Der Buß- und Bettag lebt“, ist der Eindruck des Medienreferenten im Kirchenamt der EKD, Oberkirchenrat Udo Hahn. Und die fast schon trotzigen Erfahrungen seines Fortbestehens „sollten Mut machen, das Bewusstsein für Sonntage und kirchliche Feiertage insgesamt zu schärfen“.

Buß- und Bettagskampagne aus Kurhessen-Waldeck

Sonntagskampagne der EKD

Confessio Augustana

Luthers 95 Thesen