Aus Volkstraditionen, Heiligenlegenden und Werbestrategien

Nikolaus soll sogar geohrfeigt haben

05. Dezember 2007

Im Gespräch zwischen Vater und Sohn thematisiert der bayerische Kabarettist Gerhard Polt das nicht endende Gerücht, dass die Schokoladenindustrie nicht verkaufte Osterhasen zu Nikolausfiguren umpackt. Die Stimme der beiden, die sich gegenseitig „Osterhaaasi“ und „Nikooolausi“ an den Kopf werfen, ist manchem noch im Ohr – und zum 6. Dezember wiederholen die Radiosender auch gern das populäre Stück.

Nun geht es am 6. Dezember nicht (nur) um die Frage, welche Form die Schokolade hat, sondern dieser Tag erinnert an den wohltätigen Bischof aus Myra, in der heutigen Türkei. Zahlreiche Legenden erzählen von Wundern, die angeblich auf Bischof Nikolaus von Myra zurückführen – und weil solche Legendenbildung keine Grenzen kennt, werden auch Geschichten erzählt, wie Nikolaus als Säugling oder nach seinem Tod Wunder getan hat. Vermutlich auf die Legende von den drei Jungfrauen geht die Gewohnheit zurück, am 6. Dezember die Kinder zu beschenken: Ein verarmter Vater habe daran gedacht, seine drei Töchter zu Prostituierten zu machen, weil er zu wenig hatte, um sie mit der entsprechenden Brautgabe gut zu verheiraten. Nikolaus, der damals wohl noch nicht Bischof war, erfährt von der Notlage. Er wirft in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers der drei Jungfrauen.

Überlagert hat sich die Gestalt des kleinasiatischen Bischofs mit dem „Väterchen Frost“ aus Russland und dem „Weihnachtsmann“, dem „Father Christmas“, dem „Père Noël“ schlauer Werbestrategen. So wurde aus dem wohltätigen Wundermann, der jungen Menschen in einer Notlage geholfen hat, der Überbringer großer und kleiner Geschenke. Weil aus der Legende die Figur des Nikolaus eindeutig positiv besetzt war, wurde in manchen Regionen ihm ein Partner zur Seite gegeben: Knecht Ruprecht.

In protestantisch geprägten Gegenden wurde durch die Reformation und die Ablehnung katholischer Heldenverehrung der heilige Nikolaus als Überbringer von Geschenken durch das Christkind verdrängt, Knecht Ruprecht mit der Rute blieb dagegen häufig erhalten. So wie in dem bekannten Gedicht „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm: Da unterhält sich das Christkind mit dem Gehilfen des Nikolaus: „Und droben aus dem Himmelstor / Sah mit großen Augen das Christkind hervor; / Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann, / Da rief's mich mit heller Stimme an: / »Knecht Ruprecht«, rief es, »alter Gesell, / Hebe die Beine und spute dich schnell!“

Wie könnte es anders sein: Aus Amerika trat dann der zum Weihnachtsmann mutierte Nikolaus seinen Siegeszug in die Geschäfte der Adventszeit an. Der deutschstämmige Thomas Nast hat in einer Wochenzeitschrift das Bild des wohlgenährten, weißbärtigen Großvatertypus ohne die typische Bischofskleidung mit Mitra und Stab veröffentlicht und ein weltweit agierender Getränkekonzern hat ihn dann im Rot seiner Hauptgetränkemarke und mit dem weißen wärmenden Pelzkragen nahezu standardisiert.

So haben sich Volkstraditionen mit Heiligenlegenden und Werbestrategien vermischt: von „Väterchen Frost“ ist der Rentierschlitten und die wintergerechte Kleidung geblieben, vom Heiligen Nikolaus die Tradition in der Nacht (armen) Kindern Geschenke zu bringen und von den Werbestrategen, die gern eine Atmosphäre zum Wohlfühlen schaffen, das großväterlich gemütliche Aussehen und Auftreten.

Wer sich zwischen all den „Nikoläusen“ im Schaufenster und zum Schlecken manchmal den wirklichen Kern des von seinem Glauben überzeugten Bischofs aus dem 3. und 4. Jahrhundert zurückwünscht, mag auch an die Geschichte denken, dass der Bischof vom Myra auf dem Konzil von Nizäa, auf dem es um das grundlegende christliche Glaubensbekenntnis ging, seinen Gegner Arius, der die Wesensidentität von Gott dem Vater und Jesus Christus bestritt, geohrfeigt haben soll. Auch diese Geschichte ist historisch nicht zwingend zu belegen. Und eine Ohrfeige ist allemal kein wirklich überzeugendes theologisches Argument in einem der kirchengeschichtlich herausragenden theologischen Auseinandersetzungen, aber vielleicht ein Zeugnis, dass der Bischof von Myra, der Nikolaus geheißen, hat, von seinem Glauben überzeugt war.

Eine nette Seite zum Nikolaus (vorwiegend für Kinder)