Unterwegs zum Kind im Stall von Bethlehem

Geschnitzte Figuren erzählen Geschichten

21. Dezember 2007

Weihnachtskrippe

Es ist einer dieser trüben Nachmittage an einem Sonntag im Advent. Zum spazieren Gehen haben die Kinder keine Lust und die Luftfeuchtigkeit ist auch viel zu hoch. Mutter hat auf der großen Blumenbank vor dem Wohnzimmerfenster Platz frei geräumt, Vater hat eine große Kiste vom Boden geholt. Er will an diesem Nachmittag zusammen mit den beiden Kindern die Krippe aufstellen. Für die beiden ist das ein besonderer Moment. In den letzten Jahren war die geschnitzte Darstellung der Weihnachtsgeschichte an einem Morgen plötzlich da, nun dürfen sie selbst Hand anlegen und die Figuren von Joseph und Maria, dem Jesuskind und der Schafe selbst richtig anordnen.

Bevor der Vater die Kiste, in die zu Beginn dieses Jahres die Figuren fein säuberlich und jede einzeln in weiches Küchenpapier verpackt wurden, öffnet, findet er mahnende Worte, wie zerbrechlich und wertvoll die Figuren sind. Unsichere Kinderhände nehmen einzeln die unförmigen Papierpakete heraus. Vorher ist nicht zu erkennen, was sich unter den mehreren Schichten schützenden Papiers versteckt. Schafe werden ausgepackt und das Jesuskind in einer Futterkrippe. Der von der ungewohnten Aufgabe gefesselte Sohn entdeckt die Figur der Maria. Sie kann so zu der Futterkrippe gestellt werden, dass sie ihre Hand schützend über das Jesuskind hält.

„Guck mal Papa,“ fordert die Tochter auf. Sie streckt ihm eine der größeren Figuren aus der Krippe entgegen. „Der Hirte hat ein Schaf auf den Schultern.“ Der Vater kennt diese Figur. Dies war der erste Hirte, den das Ehepaar für die Weihnachtskrippe bekommen hatte, als es noch jung verheiratet war. „Warum hat er das Schaf auf den Schultern,“ will die Kleine wissen, um sofort eine mögliche Antwort vorzuschlagen: „Will er sie dem Jesuskind schenken?“ Weihnachten und Geschenke, das gehört in den Gedanken der Kinder zusammen, aber der Vater hat da seine Zweifel. „Was will das Neugeborene mit einem Schaf,“ fragt er zurück. „Vielleicht ist das Schaf auch krank und er konnte es nicht allein lassen. Er wollte aber auch nicht ohne die anderen zurück bleiben und hat es deshalb mitgenommen. Mich erinnert dieser Hirte aber an eine Geschichte, die Jesus erzählt hat, als er erwachsen war." Sohn und Tochter schauen ihn gespannt an. „Ihr kennt die Geschichte,“ löst der Vater die aufkommende Neugier. In groben Zügen erzählt er, wie der Hirte 99 Schafe zurück lässt, um das eine verlorene Schaf zu suchen.

Als der Sohn gemerkt hat, auf welche Geschichte die Erzählung des Vaters hinaus läuft, hat er sich wieder der Kiste mit den noch verpackten Figuren zugewandt und nur noch mit einem halben Ohr zugehört: „Mensch Papa, ein Speer“. – „Pass auf“, warnt der Vater, „der ist besonders zerbrechlich.“ So dünn wie ein Zahnstocher, nur viel länger ist die filigrane Darstellung einer Waffe, die einem anderen Hirten gehört. Vater und Sohn stecken die zerbrechliche Waffe vorsichtig in die Öffnung der linken Hand dieses Hirten, der aufrechten Ganges und zielorientierten Schrittes zu Krippe unterwegs ist. Dabei kommen die beiden ins Diskutieren, warum die Hirten der damaligen Zeit in der Gegend von Bethlehem Waffen brauchten. Sie einigten sich darauf, dass vermutlich wilde Tiere umher gestreunt sind, gegen welche die Schafe verteidigt werden mussten.

Die Diskussion, ob die drei Weisen aus dem Morgenland – in alter Krippenschnitzertradition als wohlhabende Fürsten in orientalischer Kleidung dargestellt und mit einem Kamel ausgestattet – schon jetzt mit aufgestellt werden, oder ob die vier Figuren warten müssten bis zum 6. Januar, war schnell erledigt. In ihrer Familie gab es die Tradition alle Figuren schon zum Weihnachtsfest aufzustellen. Für die Kinder gehören die Weisen aus dem Morgenland ebenso zur Krippe, wie der kleine Hütejunge, der zur Hirtengruppe gehört, oder die Wasserträgerin, die auch zur Krippe kommt: Erfundene Figuren der Krippenschnitzer, die zum Landschaftsbild einer Weihnachtskrippe gehören können. Über sie können genauso Geschichten erzählt werden, die ein bisschen was von Weihnachten, dem harten Job der Hirten und der Weisheit der Sterndeuter ahnen lassen: alle unterwegs zu dem neugeborenen Kind im Stall, dessen Geburt die Christen in der kommenden Woche feiern.