„Dann komme ich wieder zur Geltung“

Elf Vesperkirchen öffnen in Baden- Württemberg wieder ihre Türen

03. Januar 2008

Auch in diesem Jahr öffnen die Vesperkirchen in Baden-Württemberg mitten in der kalten Jahreszeit wieder ihre Türen für hilfsbedürftige Menschen. Den Anfang machen am 6. Januar die Vesperkirchen in der Göppinger Stadtkirche und in der Mannheimer Citykirche Konkordien. Die Stuttgarter Vesperkirche beginnt – zum nunmehr vierzehnten Mal – eine Woche später in der Leonhardskirche. Der Gründer der ältesten Vesperkirche, der Stuttgarter Diakoniepfarrer Martin Friz, berichtete auch von einem Gespräch mit einer älteren Frau, die sich schon Wochen vorher auf die Vesperkirche freue. Weihnachten verbringe sie vor dem Fernseher, erst wenn die Vesperkirche beginnt, werde für sie richtig Weihnachten, „dann bin ich wieder unter Leuten, dann komme ich wieder zur Geltung“, so sagte die Frau zu Martin Friz.

Die Vesperkirche sei immer auch ein Abbild der Armutssituation in der jeweiligen Stadt. Langzeitarbeitslose machten den größten Teil der Gäste in der Vesperkirche aus, so der Diakoniepfarrer weiter. Auffällig sei, dass Armut immer jünger werde. Was kein Wunder sei, angesichts der hohen Zahl Jugendlicher, die etwa im Mittleren Neackarraum ohne Abschluss die Schulen verließen, fasst der Stuttgarter Diakoniepfarrer die Situation zusammen.

Was er gelernt habe während der vergangenen dreizehn Vesperkirchenaktionen in Stuttgart: Er könne die Lebenssituationen von Menschen nicht grundlegend ändern. Wichtiger sei, „dass man gemeinsam in ihrem Elend aushält, egal was in ihrem Leben geschehen ist“. Er möchte, dass Menschen, die nicht von „unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem“ profitieren, in Würde arm sein können, sagte Friz. Einen höheren Anspruch habe die Vesperkirche nicht. „Wir sollten andere Menschen achten lernen, auch wenn sie anders sind als wir“, so der Diakoniepfarrer. Wenn man die Lebensgeschichten anderer Menschen kennenlerne, höre man auf, „die Schuldfrage zu stellen“.

Elf evangelische Kirchen im Land beteiligen sich 2008 insgesamt an der Aktion, darunter die Lutherkirche in Nürtingen zum ersten Mal. Sie alle folgen dem Beispiel der Stuttgarter Leonhardskirche, die seit 1995 für mehrere Wochen jeweils zu Jahresbeginn zur Vesperkirche wird. Gäste der Stuttgarter Vesperkirche können vom 13. Januar bis 15. März zu einem günstigen Preis beziehungsweise kostenlos Mittag essen. Schon ab neun Uhr morgens steht die Leonhardskirche als Aufenthaltsraum offen. Es wird kostenlos Tee und Kaffee ausgeschenkt. Die Besucher können medizinische und seelsorgerliche Betreuung sowie juristische Beratung in Anspruch nehmen. Eine Friseurin schneidet kostenlos Haare. Haustiere werden zudem versorgt und bei Bedarf veterinärmedizinisch behandelt. Die Vesperkirche in Stuttgart schließt jeweils nach einer Andacht um 16.15 Uhr, außer an Sonntagen, dann gibt es ab 16 Uhr - wie in den vergangenen Jahren - die Reihe „Kultur in der Vesperkirche“.

Bis zu 1.000 Gäste werden täglich erwartet. Im gesamten Zeitraum werden 1.000 Ehrenamtliche im Alter zwischen 16 und 83 Jahren in der Leonhardskirche im Einsatz sein. Die Vesperkirche trägt sich aus Spenden. Der Finanzbedarf liegt allein für die Stuttgarter Versperkirche, so Martin Friz, bei 250.000 Euro. Bis jetzt seien rund 120.000 Euro zusammengekommen.