„Det ordner seg – Das ordnet sich“

Friedbert Baur ist Auslandspfarrer in Oslo

02. März 2011

Domkirche, Oslo, Norwegen, Skandinavien

Mit Langlaufskiern über tief verschneite Hügel und eisbedeckte Seen gleiten, den eigenen Atem hören und das Knirschen der Skier... Der Winter ist wirklich ein Traum in der Nordmarka, dem riesigen Waldgebiet nördlich von Oslo. In der Stadt dagegen ­können einem die langen dunklen Monate schon zu schaffen ­machen. Überall gibt es Omega-3-­Kapseln und Vitaminpräparate gegen Winterdepressionen zu kaufen, und auch der gute alte Lebertran wird sehr empfohlen. Am wichtigsten ist jedoch „friluftsliv“, Bewegung an der frischen Luft.

In Oslo, zwischen Schlosspark und dem Vigeland-Skulpturenpark, steht unsere „Kirche ohne Kirchturm“: eine hellgelbe Villa in einem ruhigen Wohngebiet. Im Erdgeschoss sind bunte Kirchenfenster, vor dem Haus weht eine meterhohe weiße Fahne mit lila Kreuz. Dennoch: Nur wenige Einheimische kennen sie. Dabei gibt es die „Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Norwegen“ schon seit 1908. Der damalige deutsche Gesandte gab den Anstoß dazu, er wollte mit ihrer Gründung die Streitigkeiten unter den deutschen Gruppierungen überwinden.

Heute leben etwa 25#000 bis 30#000 deutschsprachige Menschen in Norwegen, zu unserer Gemeinde zählen rund 580. Meist sind sie gut integriert, oft durch Ehen in norwegische ­Familien eingebunden. Viele betonen, dass die Lebensqualität hier besser sei, und berichten, sie könnten Arbeit und Familie leichter vereinbaren als in Deutschland. Die Arbeitszeiten sind auch in höheren Positionen so, dass man die Kinder um 16.30 Uhr vom Kindergarten abholen kann. Des Öfteren allerdings geht es abends dann noch mal ins Büro.

Ich bin mit meiner Frau und meinen zwei Kindern vor viereinhalb Jahren aus Süddeutschland nach Oslo gekommen. Wir leben ausgesprochen gern hier. Bei den Norwegern gefällt mir der lockere Pragmatismus und die Menschlichkeit: „Det ordner seg – Das ordnet sich“, bekommt man oft zu hören. „So was passiert“, „entspann dich!“ Man kann warten – nicht nur in der Schlange im Supermarkt. Als ich bei meinen ersten öffentlichen Veranstaltungen erlebte, dass die Redner zunächst etwas Positives über die anderen Beiträge sagten, bevor sie selbst loslegten, dachte ich noch, das sei eine rühmliche Ausnahme. In der ­Zwischenzeit weiß ich, dass es hier üblich ist. Nett sein, loben, sich bedanken, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, und auch ­Konflikte nicht allzu offen ansprechen – das gehört sich einfach.

Uns Deutsche nagelt man dagegen schnell auf den Spruch „Ordnung muss sein“ fest. Wir sind aus hiesiger Sicht „unkomplizierte Ausländer“, die sich schnell integrieren. Deutschland wird geschätzt: als großes Land, wegen seiner Wirtschaftskraft und seiner reichen Kultur. Dabei ist das Verhältnis zwischen beiden Nationen nicht gerade einfach gewesen: Von 1940 bis 1945 hatten die Nationalsozialisten Norwegen besetzt und viel Leid über die Bevölkerung gebracht. Während das in der deutschen Erinnungskultur keine große Rolle spielt, ist diese Wunde in Norwegen bis heute nicht ganz verheilt. Bis in die 70er Jahre spürten dies die Deutschen im Land deutlich.

Mir sind einige hier verheiratete Frauen begegnet, die verzweifelt versuchten, ihren deutschen Akzent loszuwerden und sich so „norwegisch“ wie möglich zu verhalten. In den Nachkriegsjahren war es eine vorrangige Aufgabe ­unserer Gemeinde, sich um Versöhnung zu bemühen. Das bleibt bis heute wichtig. Beim deutschen Volkstrauertag etwa, den wir unter der Leitung der deutschen Botschaft feiern, gehen wir nach dem Gottesdienst zum deutschen Soldatenfriedhof und auch zur Gedenkstätte für die norwegischen Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückung am ehemaligen Konzentrationslager Grini. Bisher hatten wir auch immer norwegische Zeit­zeugen dabei.

Norwegen ist bekannt für seine flachen Hierarchien. Es erstaunt trotzdem, wie konsequent ein Wert wie „Gleichstellung“ hochgehalten wird. Alle duzen sich und nennen sich beim Vor­namen. Wenn ich einen Brief mit „Hei“ beginne und „mit freundlichem Gruß“ beende, passt das gegenüber Würdenträgern staatlicher und kirchlicher Stellen genauso wie für private Kontakte. Lohnunterschiede zwischen Chefs und Angestellten sollen nicht so groß sein und sind öffentlich kontrollierbar: Die im Internet einsehbaren Listen sämtlicher Einwohner Norwegens mit Jahreseinkommen, Steuer und Vermögen sind wirklich eine Besonderheit. Egalität ist das Ideal. Fast schon ein Unwort ist dagegen die „ekstrabehandling“ – Extrabehandlung. Die soll keiner kriegen – und die will auch keiner. Ich habe mehrmals erlebt, dass ältere Menschen sich in der Straßenbahn weigerten, den Sitzplatz einzunehmen, den ihnen Jüngere angeboten hatten.

Aber klar, die Realität offenbart auch Schönheitsfehler: Frauen verdienen bei gleicher Tätigkeit im Durchschnitt weniger. Wo richtig Geld verdient wird, sind die Männer manchmal unter sich. Und als Ausländer, der die Sprache nicht perfekt beherrscht, ist man doch ein bisschen weniger gleich. Taxi- und Straßenbahn­fahrer sind in der Regel Jobs für die sogenannten „Einwanderer“. Die Schule aber verfolgt das Ideal: Bis Klasse 10 gibt es die Einheitsschule.

Niemand bleibt sitzen, man wird nach Alter eingeteilt. Noten im engeren Sinn gibt es erst ab Klasse 8. Ein Oben-unten-Gefälle zwischen den Schülern gibt es wohl dennoch, wie aufwendige Antimobbingkampagnen zeigen. Als wichtigstes ­Bildungsziel gilt hier das Selbstvertrauen („selvtillit“). Unsere Kinder besuchen eine staatliche norwegische Schule. Bei einer der regelmäßigen Selbstbeurteilungen schrieb unser Sohn bei der Frage, ob er „flink“ (dt.: patent, fähig) sei: „Ein bisschen.“ Der Lehrer korrigierte: Er sei doch sehr flink, und das solle er auch so schreiben. Klar, dass das guttut!

An den norwegischen Schulen gibt es übrigens seit 2008 den für alle Schüler verpflichtenden Unterricht „Religion, Weltanschauung und Ethik“ – Nachfolger des erst 1997 eingeführten Fachs „Christentum, Religions- und Lebenskunde“, das wegen mangelnder Neutralität zu einer Welle von Klagen führte. In der evangelisch-lutherischen Staatskirche sind fast 80 Prozent der Bevölkerung Mitglied. Mein Gefühl, dennoch in einer sehr säkularen Stadt zu leben, kommt wohl auch daher, dass Religion hier ganz stark als Privatsache angesehen wird, und viele Menschen Konzeptionen, die ohne Gott auskommen, für neutraler halten als eine religiöse Lebenseinstellung.

Umso wichtiger, dass hier eine deutschsprachige Gemeinde Raum bietet, in dem man Gemeinschaft, Gastfreundschaft und Heimat erleben kann. Und am liebsten: auch im ­Glauben. Manches an der Schönheit christlicher Traditionen wird mir hier im Ausland erst richtig bewusst. Die Freude an der Liturgie und am Gespräch über biblische Texte ist auch deshalb so groß, weil es das hier in unserer eigenen Sprache sonst kaum gibt. Ansonsten prägt das norwegische Ideal „Alle sind gleich“ auch unsere Gemeindearbeit: Jeder ist willkommen. Durch die Vielfalt entstehen Ideen, die immer wieder zu neuen Projekten führen. So offene Diskussionen und tiefgehende Gespräche wie hier habe ich selten erlebt.

In ein paar Wochen geht es wieder in die Nordmarka. Mit der Konfirmandengruppe verbringen wir dort jeden Winter ein ­Hüttenwochenende in der Nordmarkskapelle, fast zwei Stunden Fußmarsch von unserem Ausgangspunkt, der S-Bahn-Endhaltestelle entfernt. Wir werden die Schlafsäcke und den ­Proviant für zwei Tage auf Schlitten packen und losziehen – immer wieder überholt von Skiläufern, die geduldig für uns ihre Spur wechseln. Ich freue mich schon und bin überzeugt: Auch wir werden Spuren hinterlassen.