Discolärm, Pistolenschüsse, evangelische Gemeinde

Rüdiger Schloz begleitete für ein halbes Jahr die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Guatemala

25. Juli 2011

Cerro de la Cruz in Antigua, Guatemala

Ob wir bereit wären, für ein halbes Jahr nach Guatemala zu gehen? Eine deutsche Gemeinde betreuen, bis der neue Pfarrer eintrifft? Als man meine Frau und mich das im vergangenen Sommer fragte, waren wir gerade erst aus Ecuador zurückgekehrt. Als Ruheständler hatten wir dort drei Jahre lang das Auslandspfarramt in Quito und Guayaquil versehen. Nun gleich noch einmal nach Lateinamerika? Die erwachsenen Kinder waren einverstanden, wir sagten Ja. 

Das südlich Mexikos gelegene Guatemala mit der gleichnamigen Hauptstadt kannten wir von einer dreiwöchigen Reise als Touristen. Es ist ein kleines Land, aber dicht besiedelt. 108#889 Quadratkilometer, 13,4 Millionen Einwohner. 44 Prozent sind Indianer – politisch korrekt: „indígenas“ –, die von den Mayas abstammen beziehungsweise immer noch Mayas sind. Sie sprechen  22 verschiedene Sprachen. Nach einem längeren Aufenthalt dort fühlt man sich in Deutschland wie im Altersheim. 42 Prozent der Guatemalteken sind unter 15 Jahre alt, 54 Prozent zwischen 15 und 64 und nur vier Prozent über 64 Jahre. 

Guatemala ist kein armes Land, doch Boden und Einkommen sind sehr ungleich verteilt. Zehn Prozent der Einwohner verfügen über die Hälfte des Landes. 50 Prozent leben nach UN-Kriterien in Armut, 15 Prozent in extremer. Das Agrarland hat keine reichen Bodenschätze. Industrie anzusiedeln würde Investitionen erfordern, und die werden nur in Ländern mit stabilen politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen getätigt. Genau das gibt es in Guatemala nicht. Kriminalität und Korruption liegen an der Spitze unter den Ländern Lateinamerikas. Drei Millionen Guatemalteken leben und arbeiten deshalb im Ausland und tragen mit ihren Geldtransfers nicht unerheblich zum sozioökonomischen Auskommen des Landes bei.  

Die deutsche evangelische Gemeinde hat rund 120 Mitglieder, die für einen Pfarrer, eine teilzeitbeschäftigte Gemeindesekretärin und einen Koordinator der Sozialprojekte sowie ein Dienstauto aufkommen. Die Gemeinde besitzt ein Anwesen mit zwei Häusern inmitten der „zona viva“, des Vergnügungsviertels der Hauptstadt, wo die Luft vom Discolärm und manchmal auch von Pistolenkugeln dick ist. Der Kirchenraum fasst nur 40 Menschen, größere Gottesdienste finden im Garten statt. Abendveranstaltungen sind dort nicht möglich, wegen des Lärms und wegen der Gefahr. Die Pfarrwohnung ist in ein besseres Wohnviertel ausgelagert. Ein Teil der Räume wird an Firmen und ­Organisationen vermietet. Die Mieteinnahmen sind für das ­Budget der Gemeinde wichtig. Außerdem trägt und betreut die Gemeinde seit dem großen Erdbeben von 1976 in einem der Elendsviertel eine Sozialstation. Dort versorgen ein Arzt und drei medizinische Hilfskräfte die Menschen. Dazu gehört eine kleine Grundschule. Die Vorgänger im Pfarramt haben ein Netz von Spendern gewoben, deren regelmäßige Zuwendungen dieses Projekt ermöglichen.

Die Gemeinde hat eine bewegte Geschichte, in der sich die Geschicke der Deutschen in Guatemala spiegeln. Die deutsche Immigration begann bald nach der Befreiung des Landes von den Spaniern im Jahre 1821. Die Siedler kamen aus wirtschaftlichen Gründen, auch spielten der erstarkende Nationalismus in Deutschland und der Wille, an der Kolonialpolitik der europäischen Mächte teilzuhaben, eine Rolle. Die guatemaltekische Regierung unterstützte die Ansiedlung, indem sie vormals kircheneigene und nach der Unabhängigkeitserklärung enteignete Ländereien an Ausländer vergab. Den Deutschen bot sich ein üppiges, unerschlossenes Gebiet für die Landwirtschaft. Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Deutschen auf geschätzte eintausend an. Nach 1918 setzte eine erneute Einwanderungswelle ein, 1930 lebten schon etwa dreitausend Deutsche hier. 

Nachdem mehrere Versuche gescheitert waren, eine deutsche Gemeinde zu gründen, führte 1928 ein erneuter Anlauf zum Erfolg. Ein deutscher Pfarrer wurde nach Guatemala entsandt und sammelte eine kleine Gruppe Gemeindemitglieder um sich. 1942 löste sich die Kirchengemeinde wieder auf, denn im Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Gemeinschaft weitgehend auseinandergerissen. Guatemala trat in den Krieg gegen Deutschland ein, denn der US-amerikanische Einfluss war enorm. Ein Großteil der im Land lebenden Deutschen wurde enteignet. Die Männer wurden erst in den USA interniert, dann gegen amerikanische Kriegsgefangene in Deutschland ausgetauscht. Ihre Frauen, darunter viele guatemaltekische, brachte man mit ihren Kindern direkt nach Deutschland. Den älteren Gemeindemitgliedern, die sich nach dem Krieg ohne jede Entschädigung in ihrer guatemaltekischen Heimat eine neue Existenz aufbauen mussten, ist diese traumatische Erfahrung noch schmerzhaft bewusst. 

Eine Reihe von Deutschen in Guatemala blieb aber auch unbehelligt. Es spielte schon eine Rolle, dass viele nicht nur durch und durch deutsch-national gesinnt waren, sondern auch ausgesprochen nazibegeistert, wie Gemeindearchivalien belegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen evangelische Deutsche zunächst in spanisch- oder englischsprachigen protestantischen Gemeinden unter. 1947 gründeten Missionare der Missouri-Synode, die in den USA die zweitgrößte lutherische Kirche mit Sitz in St. Louis/Missouri ist, die spanischsprachige Gemeinde „Cristo Rey“. Daran waren auch Deutsche beteiligt, und es entstand ein deutschsprachiger Gemeindeteil. 1967 entsandte die EKD erstmals wieder einen Pfarrer nach Guatemala. Zu dieser Zeit war der Bürgerkrieg bereits in Gang, der das Land von 1960 bis 1996 bluten ließ und dessen Wunden bis heute nicht vernarbt sind. Noch immer wird nach Kindern gesucht, die ihren Müttern entrissen und als Adoptivkinder verkauft wurden. Die deutschsprachige Gemeindegruppe engagierte sich sozial und geriet damit in der Missouri-Synode zunehmend in Isolation. Viele der übrigen Mitglieder rechneten die Ärmsten des Landes pauschal den Revolutionären zu, und Nothilfe stand im Verdacht, die Rebellen zu unterstützen. 1975 gründeten die Deutschen, anknüpfend an die Vorkriegsgeschichte, die Epiphaniasgemeinde. 

Ich bin für eine kurze Übergangszeit der achte Pfarrer seit 1967 und erlebe die Gemeinde heute als enorm engagiert. Es gibt einen intensiven Zusammenhalt und eine große Fürsorglichkeit, eine starke Kirchenbindung und guten Gottesdienstbesuch. Weil es hier keine deutschsprachige katholische Gemeinde gibt, sind auch viele Katholiken dabei. Die Gemeinde hat ein gesundes Selbstbewusstsein und weiß sich gegenüber dem Pfarrer zu behaupten. Schließlich gilt auch hier: Pfarrer kommen und gehen, die Gemeinde bleibt. Wie andere Auslandsgemeinden in Lateinamerika wird auch sie kleiner. Die deutschen Firmen schicken keine Führungskräfte mehr ins Land, sondern rekrutieren diese dort. Es kommen weniger deutsche Lehrer, und diese sind oft aus den neuen Bundesländern und haben selten einen Bezug zur Kirche. Auch bei anderen Deutschen, etwa den Botschaftsangehörigen und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, ist die Bindung an die Kirche meist wenig ausgeprägt. 

Immerhin: Die Gemeinde in Guatemala stemmt noch die Kosten für einen Pfarrer. Die Gemeinden in Ecuador und in La Paz können das nicht mehr leisten und sind auf den Dienst von Ruheständlern angewiesen. Aber die Evangelische Kirche in Deutschland sollte diese Stützpunkte in den Hauptstädten der Welt unbedingt weiter unterstützen, denn diese sind unermesslich wertvoll. In Guatemala-Stadt ist die Epiphaniasgemeinde neben dem Deutschen Club ein wichtiger Ort der Begegnung für Deutsche in ganz Guatemala. Ich hoffe, es bleibt so.