Engel mit blauen Flecken

In Brandenburg werden lange vergessene Taufengel restauriert und wieder in die Kirchen geholt

28. Juli 2011

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Der Engel sieht erbärmlich aus. Die Flügel fehlen, die Arme auch, die Zehen sind verschwunden, der Blick ist trüb. Zwischen Müll und Bauschutt wurde die Skulptur 1950 gefunden, dann verschwand sie in der DDR in einem Museumsdepot. Nun wird der einst farbenfrohe hölzerne Taufengel aus der evangelischen Dorfkirche von Ringenwalde in der brandenburgischen Uckermark restauriert. Und soll noch in diesem Jahr, dem von der Evangelischen Kirche in Deutschland ausgerufenen "Jahr der Taufe", im Nachbarort eine neue Heimat bekommen.

Rund 150 solcher Engel gibt es in Brandenburg, etwa ebenso viele in Sachsen-Anhalt und auch einige in Mecklenburg-Vorpommern. Erst seit wenigen Jahren entdecken Kirchen und Denkmalpfleger die lange vergessenen Kunstwerke wieder. Bunt bemalte Taufengel aus Holz waren im Barock modern: Sie schwebten in den Dorfkirchen an Seilen unter der Decke und wurden zur Taufe heruntergelassen. Mit den Händen hielten die kindergroßen Skulpturen das Taufbecken.

"Das war ein rein protestantisches Phänomen", sagt Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Im Norden und Osten Deutschlands waren sie im 18. Jahrhundert besonders verbreitet, bis weit hinein ins heutige Polen. Schöpfer waren einfache Dorftischler, aber auch seinerzeit bekannte Künstler wie Bernhard Heinrich Hattenkerell. Die Theatralik des Barock habe so Eingang in die evangelischen Kirchen gefunden, sagt Janowski.

Doch im 19. Jahrhundert wandelte sich der Kunstgeschmack, auf Barock folgte Klassizismus. Die Engel gerieten unter Kitschverdacht und wurden wieder aus den Kirchen entfernt. Dachböden und Schuppen waren fortan ihr neues Zuhause, die meisten vergaß man einfach.

"Es werden noch heute immer wieder welche gefunden", erzählt Janowski. So wie vor ein paar Jahren im Pfarrhaus von Buckau in Brandenburg, wo ein Engel hinter einem Brennholzstapel lag. Oder in Groß Fredenwalde bei Templin. Auf dem Dorffriedhof wurde der Taufengel dort unter einem Holunderbusch entdeckt - mit blauen Flecken von den Beeren, die über die Jahre hinweg auf ihn herabgefallen waren.

Vor fünf Jahren hat das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege ein Inventar der märkischen Taufengel vorgelegt. Der Engel von Ringenwalde sei von "besonderer künstlerischer Ausdruckskraft", heißt es darin. "Das faltenreiche Gewand und das fein modellierte Gesicht verleihen ihm eine klassische Ausstrahlung."

Viele der märkischen Barockskulpturen sind in schlechtem Zustand. "Es gibt noch genügend Kandidaten", erzählt Janowski, "ungefähr die Hälfte harrt noch der Restaurierung." Sieben Engel liegen derzeit im Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf und werden dort von Restauratoren bearbeitet oder bis zum Beginn der Arbeiten aufbewahrt.

Zwischen 1.500 und 10.000 Euro kann eine Restaurierung kosten, kalkuliert Werner Ziems, der im Landesamt für Kunstwerke aus Holz zuständig ist, und überlegt kurz. "Es kann auch noch ein bisschen mehr sein", sagt er dann.

"Der erste, der uns ins Haus kam, war aus Schönhagen in der Prignitz", erinnert sich Ziems. Eine Potsdamer Studentin hatte sich an das Denkmalamt gewandt, der Engel war ihre Abschlussarbeit als Restauratorin. "Seitdem beschäftigt uns das."

Hauptaufgabe ist für den Denkmalpfleger keineswegs, den bunten Originalzustand wieder herzustellen. "Am wichtigsten ist die Sicherung". Dass Taufengel in den vergangenen Jahrzehnten mitunter komplett übermalt wurden, behagt Ziems nicht sonderlich. "Das sieht dann aus wie ein Zirkuspferd." Der Engel aus Ringenwalde wird auch deshalb ein Fragment bleiben. Nur eine hölzerne Gewandfalte soll vielleicht noch ergänzt werden, sagt Ziems. "Da überlegen wir noch."

Vor zwei Jahren haben in Brandenburg das Landesamt für Denkmalpflege, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Förderkreis Alte Kirchen die Spendenkampagne "Menschen helfen Engeln" gestartet, um die Kunstwerke zu retten. Rund 37.000 Euro sind bislang zusammengekommen. Und einigen Engeln geht es dank menschlicher Hilfe bereits besser.

So wie dem Taufengel von Wismar bei Strasburg in der Uckermark: "Total wurmstichig" sei die Figur gewesen, sagt Janowski. "Man konnte das Holz zwischen den Fingern zerbröseln." Seit 2010 hängt er wieder wie neu in der Kirche. Oder dem Engel von Rohrbeck im Havelland, dessen Restaurierung von einem älteren Ehepaar bezahlt wurde. Und der nun ein Schutzengel für die Enkelkinder sein soll.

Der Engel mit den blauen Flecken aus Groß Fredenwalde hat es schon vor Start der Spendenkampagne geschafft und kann nun seit bald drei Jahren wieder seine alte Aufgabe erfüllen. Einen neuen Arm hat er bekommen und eine neue Taufschale. "In Decken verpackt haben wir ihn ins Auto gelegt", erzählt Bernd Janowski. Mit Glockengeläut ist der Engel dann im Dorf empfangen worden. "Wir haben ihn wie mit einem Triumphzug in die Kirche gebracht". (epd)