Sabine Christiansen: Chat mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber

9. November 2003, 22.45-23.15 Uhr

Moderator: Hallo liebe Chatter, Herr Huber ist noch auf dem Weg vom Studio.

Moderator: Dieser Chat ist moderiert, d.h. alle Fragen kommen in die Auswahlliste des Moderators, aus dieser Liste werden dann Fragen ausgewählt, die unserem Gast gestellt werden.

Moderator: Bischof Huber ist eben eingetroffen, wir können gleich anfangen.

Wolfgang Huber: Ich freue mich, dass ich gerade bei diesem wichtigen Thema das Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Internet fortsetzen kann.

Thomas5: Herr Huber, meinen sie nicht, dass die ganze Sache um Herrn Hohmann überbewertet wird?

Wolfgang Huber: Natürlich wird ein solches Thema immer auch instrumentalisiert aber jeder, der die Rede von Herrn Hohmann gelesen hat, kann von einem Überbewerten nicht sprechen.

able1: Herr Huber, haben nicht gerade beide christlichen Kirchen eigentlich die Aufgabe Klarheit darüber zu schaffen, daß die Kreuzigung Christi nicht den Juden angelastet werden darf?

Wolfgang Huber: Diese Aufgaben haben die Kirchen. Und sie haben sich diesem Thema spät aber dann eindeutig gestellt.

Uwe1: Wieso ist Hohmanns Rede in ihrer Gesamtheit Antisemitisch, ich betone in ihrer Gesamtheit

Wolfgang Huber: Weil der Schlussabschnitt, in dem Hohmann die "Gottlosen" für die Verbrechen der Bolschewiki verantwortlich macht, nicht aufheben kann, dass er vorher die ganze Zeit bewusst von "den Juden" gesprochen hat. Wenn er das nicht so gemeint gehabt hätte, dann wäre die Klarstellung am Anfang notwendig gewesen, und dann wäre die ganze Argumentation über "die Juden" in sich zusammen gebrochen.

jonny26wien1: Herr Huber, wie denken Sie über Normal Finkelstein?

Wolfgang Huber: Ich habe mit Interesse Texte von Finkelstein gelesen. Er hat am konkreten Beispiel die Gefahr aufgezeigt, dass der Vorwurf der Beteiligung am Holokaust auch instrumentalisiert werden kann. Aber dies hat er heute Abend mit sehr pauschalen Aussagen verknüpft, die ich nicht akzeptieren kann.

Reuchlin1: Kann man den Staat Israel und insbesondere seine Regierung uneingeschränkt kritisieren, ohne als Antisemit bezeichnet zu werden? Sollte man darauf verzichten, um Rechtsextremen keinen Vorschub zu leisten?

Wolfgang Huber: Es geht nicht um eine uneingeschränkte Kritik an Israel. Vielmehr geht es um eine Haltung, die das Existenzrecht von Israel anerkennt, den Frieden zwischen Israel und den Palästinensern für zwingend nötig ansieht und gerade deshalb auch zu einer Kritik an konkreten Maßnahmen Israels ein Recht hat.

Roberto1: Herr Bischof, ist diese antisemitistische Debatte nicht heuchlerisch?

Wolfgang Huber: Selbst wenn es heuchlerische Voten in dieser Debatte gibt, ist sie trotzdem dringend nötig. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe dafür zu sorgen, dass sie aufrichtig geführt wird.

Stuttgarter1: Herr Huber, müssen wir Deutschen ewig die Buhmänner sein? Ich bin gewiss nicht antisemitisch, aber ich würde auch gern wieder stolz sein ein Deutscher zu sein.

Wolfgang Huber: Es geht nicht um ein ewiges Buhmannsein. Es geht darum, dass wir nicht andere Völker in irgendeinem Sinn als geringer wertig ansehen als uns selbst.

heidecksburg1: Sehen Sie Parallelen zum "Fall" Möllemann?

Wolfgang Huber: Gewiss gibt es solche Parallelen, auch wenn die Hintergründe sehr unterschiedlich sind. Vor allem sollte man solche Parallelen nicht dazu missbrauchen, Menschen zu brandmarken. Die notwendige Kritik gilt den Thesen, die hier vertreten werden. Tatsächlich sollte man aufpassen, nicht neue Sündenböcke zu suchen.

Schneck1: ist es nicht bezeichnend, wenn herr finkelstein als jude und amerikaner die deutschen für die aufarbeitung ihrer vergangenheit lobt während sich die deutschen in detailfragen wie hohman verlieren?

Wolfgang Huber: Finkelstein hat uns gar nicht gelobt. Er war begeistert vom deutschen Protest gegen den Irakkrieg und hat gar nicht bedacht, dass dieser Protest von Menschen getragen war, die er im Blick auf die Aufarbeitung der Vergangenheit als Hysteriker bezeichnet.

ulme1: Herr Huber, welche Möglichkeiten sehen sie, eine Atmosphäre in Deutschland zu schaffen, auch mal gegen die israelischen Konflikte im Bereich Palästina die Meinung sagen zu können, ohne gleich als Antisemit zu gelten?

Wolfgang Huber: Beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin in diesem Sommer haben wir das versucht. Und Sie werden sich wundern: Es geht.

TomGarn2: Ist es nicht langsam an der Zeit, dass die Klügsten in den Welt-Religionen damit beginnen die trennenden Mauern von Innen einzureißen ?

Wolfgang Huber: Wir brauchen Fortschritte im Dialog der Religionen. Aber dabei werden nicht alle Verschiedenheiten einfach beseitigt. Religionsfrieden heißt mit solchen Verschiedenheiten umgehen zu können, ohne sie weiter zum Anlass von Unfrieden zu machen. Dazu muss aber in allen Religionen die gleiche Würde aller Menschen Anerkennung finden.

dominik1: Hätte nicht gerade Deutschland die Pflicht sich aktiver in die Fehler anderer Staaten einzumischen, nach dem, was wir aus unserer Vergangenheit gelernt haben. Ich betone Pflicht.

Wolfgang Huber: Solange das nicht aus Überheblichkeit geschieht, sehe ich auch die Pflicht, sich für Frieden und Menschenrechte international stärker einzusetzen. Aber es sollte nicht in der Meinung geschehen, dass jetzt auf diese Weise am deutschen Wesen die Welt genesen sollte.
Wolfgang Huber: Ich bedanke mich herzlich für alle Fragen. Die Debatte über dieses Thema muss bestimmt weiter gehen.