Seelsorge am Küchentisch

Pfarrfrauen auf der Suche nach einem neuen Rollenbild

15. Mai 2006

"Seelsorge am Küchentisch" nennt die Pfarrfrau Ulrike Sandner das, was seit Jahren zu ihrem Alltag gehört: Menschen klingeln zu jeder Tages- und Nachtzeit an der Haustür, weil sie Rat und Hilfe suchen. Und dabei ist es zweitrangig, dass Ulrike Sandner "nur Pfarrfrau" ist. Wenn ihr Mann nicht da ist, wird sie wie selbstverständlich zur Ansprechpartnerin. "Wer im Pfarrhaus lebt, wird in Sippenhaft genommen", berichtet sie nüchtern am Rande des diesjährigen bundesweiten Treffens evangelischer Pfarrfrauen, das letzte Woche in Zingst stattfand.

Bei kaum einem anderen Beruf stünden Ehefrau und Kinder so in der Öffentlichkeit und damit auch unter Beobachtung wie bei Pfarrern. "Oder kennen Sie die Frau Ihres Arztes?", fragt Ulrike Sandner und beleuchtet damit eine Situation, die für viele Pfarrfamilien mittlerweile zu einer echten Belastung geworden ist.

Um sich mit anderen Pfarrfrauen auszutauschen und um die spezifische Situation der Frau des Pfarrers innerhalb und außerhalb der Kirche zur Sprache zu bringen, ist Ulrike Sandner seit vielen Jahren im Pfarrfrauendienst der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aktiv. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss von Pfarrfrauen-Arbeitskreisen aller Landeskirchen.

Viele Frauen in den Gemeinden hätten immer noch mit alten Rollenmustern zu kämpfen. Für viele seien sie immer noch diejenigen, die unbezahlt viel Arbeit leisten, sagt Marie-Luise Buchholz vom Pfarrfrauendienst Württemberg. "Wir haben ein Recht, unser eigenes Leben zu gestalten." Dazu gehöre auch eine eigene Berufstätigkeit – ein Recht, das sich die Pfarrfrauen in Westdeutschland in den letzten drei Jahrzehnten mühsam und gegen viele Widerstände erkämpft haben. Im Gegensatz dazu war es in der DDR völlig selbstverständlich, dass die Frau des Pfarrers ihren Beruf hatte.

Heutzutage kommt für viele Pfarrfrauen hinzu, dass auch Pfarrehen nicht mehr unbedingt für die Ewigkeit geschlossen werden. Trennung und Scheidung im Pfarrhaus ist eine Entwicklung, die zunimmt. In vielen Landeskirchen wird mittlerweile auf Präventivarbeit gesetzt.

Für die Teilnehmerinnen an dem Treffen in Zingst bestand jedenfalls Einigkeit, dass auch für erfahrenere Paare ein Eheseminar die Möglichkeit bietet, sich von Zeit zu Zeit auf das Paarsein zurück zu besinnen. Häufig gehe dabei allerdings die Initiative zur Teilnahme von den Frauen aus, betonte eine Teilnehmerin. Eine andere berichtete, sie habe ihren Mann nur dadurch überzeugen können, dass sie darauf verwies: "Das Auto bringen wir auch alle zwei Jahre zum TÜV. Und was machen wir mit unserer Ehe?"

Wolfgang Huber würdigt Pfarrfrauenbund
http://www.ekd.de/presse/pm94_2006_rv_pfarrfrauenbund.html