Lutherisch in Kaliningrad

Pfarrer Jochen Löber berichtet aus der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Kaliningrad

01. Februar 2011

Das 1999 eingeweihte Gemeindezentrum der evangelisch-lutherischen Kirche in Kaliningrad, dem früheren Königsberg (Auferstehungskirche). (Foto: epd-bild / Thoralf Plath)

Sonntagvormittag. Der Gottesdienst beginnt erst um elf, aber schon um halb zehn treffen die ersten Gemeindemitglieder ein – in unserem leuchtend roten Kirchenzentrum am Nordrand der Stadt. Die wenigsten haben ein Auto. Manche sind lange mit dem Bus unterwegs gewesen. Das Einzugsgebiet umfasst den gesamten Stadtbezirk des ehemaligen Königsbergs mit seinen rund 420#000 Einwohnern. Die evangelisch-lutherische Gemeinde Kaliningrad, aus der ich Ihnen schreibe, gibt es erst seit 1991. ­Damals gehörten überwiegend Russlanddeutsche dazu, heute sind Menschen unterschiedlichster Herkunft und religiöser ­Prägung bei uns, auch jeden Alters. Die Gemeinde hat Kraft. Denn die Menschen sind sehr bewusst dabei: Sie nehmen weite Wege auf sich, verbringen viel Zeit in der Kirche und nehmen Ämter wie das des Kirchenvorstehers sehr ernst.

Ich bin seit September 2008 hier. In meiner ehemaligen ­Gemeinde in Bad Orb habe ich viele Russlanddeutsche betreut. Daraus erwuchs der Gedanke, selbst einmal eine Zeit lang in ­Russland zu leben und zu arbeiten. Über die EKD bekam ich die Möglichkeit, die Propstei in der russischen Exklave Kaliningrad mit der gleichnamigen Hauptstadt zu leiten. Dort gibt es mehr als 40 lutherische Gemeinden mit insgesamt 1500 Mitgliedern, eingeteilt in vier Pfarrbezirke. Für den um die Hauptstadt liegenden Bezirk bin ich mit als Pfarrer zuständig. In der ganzen Oblast – zu Deutsch: Verwaltungsgebiet – Kaliningrad sind wir sieben Pastoren, zwei Prediger und ein Vikar.

Die an Polen, Litauen und die Ostsee angrenzende Oblast Kaliningrad entstand auf dem Gebiet des früheren deutschen Ostpreußens. Die sowjetische Armee eroberte Ostpreußen ab Oktober 1944, auf der Potsdamer Konferenz wurde dann der südliche Teil unter polnische, der nördliche Teil mit der Hauptstadt Königsberg unter russische Verwaltung gestellt. Er wurde ebenso wie die Stadt im Juli 1946 nach einem kurz zuvor verstorbenen sowjetischen Politiker in Kaliningrad umbenannt.

Einsame Strände, ein weiter Himmel

So engagiert wie die Gemeindemitglieder sind, macht es Spaß, hier Pfarrer zu sein! Und es gibt noch mehr, was ich mag: an den Menschen die Gastfreundschaft. An der Stadt Kaliningrad die interessante Mischung aus historischer Substanz und russischer Architektur. Und am Land natürlich die Kurische Nehrung, die langen einsamen Strände, den weiten Himmel.

Zurück zum Sonntagmorgen: Der Frauenchor beginnt um zehn Uhr seine Probe. Davor schon übte die Leiterin mit mir „Kyrie“ und „Gloria“ ein. Die nach und nach eintreffenden Männer stehen im Foyer zusammen und diskutieren die politischen Ereignisse der Woche. Währenddessen sammelt die Sekretärin den monatlichen Mitgliedsbeitrag ein, etwa ein Prozent des Einkommens oder der Rente. Wenn der Gottesdienst dann beginnt, hören 70 bis 90 Menschen Gottes Wort, singen und beten. Kein schlechter Zuspruch bei etwa 350 Mitgliedern im Bezirk.

Oft sind beim Gottesdienst auch Gäste dabei. Zumeist sind es Deutsche. Kaliningrad ist nur knapp 600 Kilometer von Berlin entfernt, zehn Autostunden. Im Rahmen der Begrüßung werden sie vorgestellt und mit einem Applaus willkommen geheißen. Da wir die liturgischen Texte auf Deutsch und auf Russisch sprechen und unser Gesangbuch viele Liedtexte in beiden Sprachen bereithält, können sie aktiv mitfeiern und die Choräle mitsingen. Die meisten kommen aus Liebe zu ihrer alten Heimat, die ihnen durch die Wirren des Krieges verloren gegangen ist. Manche reisen schon seit vielen Jahren regelmäßig hierher und haben materielle oder finanzielle Hilfe im Gepäck. Wir nennen sie Freunde oder Partner, und das sind sie wirklich.

Viele wandern nach Deutschland aus

Die große rote Auferstehungskirche ist das soziale und geistliche Zentrum unseres Pfarrbezirks. Mit nahezu 300 Sitzplätzen und vielen Gruppenräumen ist sie eigentlich viel zu groß für uns. Aber wir genießen es, ausreichend Platz zu haben. Jede Gemeindegruppe hat ihr eigenes Zimmer. Als die Kirche auf dem Gelände des ehemaligen Königsberger Luisenfriedhofs in den neunziger Jahren gebaut wurde, gab es hier noch doppelt so viele Mitglieder. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen viele Russen aus den unabhängig gewordenen baltischen Staaten und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, wo sie nun eine Minderheit geworden waren, nach Kaliningrad.

Auch viele lutherisch geprägte Russlanddeutsche siedelten sich mit ihren oft russischen beziehungsweise nichtdeutschen Familienangehörigen hier an. Doch viele von ihnen zogen weiter gen Westen, einer nicht selten ungewissen Zukunft in der Bundesrepublik entgegen. Mittler­weile sind manche schon wieder zurückgekommen, weil sie sich der russischen Sprache und Mentalität doch näher fühlen.

Die Abwanderung nach Deutschland hält jedoch an, was unsere lutherischen Gemeinden zusehends schwächt. Derweil arbeiten wir weiter an unserem Profil. Dazu gehört insbesondere die diakonische Arbeit, die angesichts von Armut, Arbeitslosigkeit, Infektionskrankheiten und fehlenden sozialen Netzen in Kaliningrad dringend notwendig ist: Im Straßenkinderzentrum Jablonka werden vernachlässigte Kinder tagsüber betreut und können auch übernachten. Im Carl-Blum-Haus, dem einzigen kirchlichen Altenheim in der Oblast wohnen 24 alte Menschen. In der Diakoniestation Haus Salzburg leisten Frauen ambulante Alten- und Behindertenpflege.

Man bekennt sich wieder offen zu seinem Glauben

Mittags bekommen hier rund 40 bedürftige Schulkinder eine warme Mahlzeit. Dank der Spenden unserer Freunde und Partner können wir unsere Arbeit fortführen. Rund 120 Partnergemeinden, -organisationen und -vereine, private Initiativen und Einzelpersonen, vor allem aus Deutschland und Holland, bilden das Netz, das die diakonische und missionarische Arbeit in der Propstei trägt. Das, was die Einheimischen über die Mitgliedsbeiträge selbst aufbringen können, dürfte weit unter zehn Prozent liegen. Kirchensteuer gibt es nicht.

Für dieses Jahr haben wir große Pläne. Wir wollen mit 160 Personen zum Kirchentag nach Dresden fahren. Der thematische Schwerpunkt liegt diesmal auf Mittel- und Osteuropa, deswegen hat man uns eingeladen. Schon heute haben wir für diese Fahrt weit mehr Bewerber als freie Plätze. Bei manchen schwingen natürlich auch touristische Motive mit. Nur wenige können sich eine Auslandsreise leisten. Zahlreiche Nationalitäten sind in Kaliningrad vertreten, dazu Konfessionen und Religionen verschiedenster Couleur. Religion ist inzwischen „in“. An den Feiertagen sind die Kirchen überfüllt. Man bekennt sich offen zu seinem Glauben und genießt die Freiheit, dies heute tun zu dürfen.

Überall entstehen neue Kirchen, und auf manchen ehemals evangelischen oder katholischen Gotteshäusern erstrahlt heute in goldenem Glanz das Kreuz der russischen Orthodoxie. Gott sei Dank, denn verfallende Kirchengebäude gibt es schon genug in der Oblast. An dieser Stelle sind die Partnervereine aus Deutschland zu nennen, die alte Kirchen wieder aufbauen. Ohne ihren hohen menschlichen und finanziellen Einsatz wären noch mehr Kirchengebäude dem Verfall preisgegeben.

In diesem Konzert der Religionen versuchen wir unsere Stimme zu erheben. Lutherisch in Kaliningrad, was heißt das? In der Kirche in Gwardejskoje/Mühlhausen liegt Margarethe begraben, die jüngste Tochter Martin Luthers. Die Gemeinde pflegt dieses Erbe mit Stolz. Zum Reformationstag hatte eine Mitarbeiterin unserer Kirche ein Porträt Luthers aus Bernstein gearbeitet. In der Oblast Kaliningrad ist das weltweit größte Aufkommen an Bernstein. Jeden einzelnen Stein hat sie an der Küste selbst aufgehoben. Der Reformator hat nun also seinen festen Platz in unserer Kirche. Lutherisch in Kaliningrad? Auf vielen Wegen suchen wir weiter nach Antworten.