Deutsche Winterreise

Projekt des Monats Dezember der Internetplattform „Kirche im Aufbruch“

15. Dezember 2011

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Der Winter ist die Zeit der Kerzen, der langen Abende am Kamin, des Spielens im Schnee. Er ist aber auch die Zeit der Einsamkeit, der trüben Gedanken, der Leere in Natur und Seele. Kaum ein anderes Werk beschreibt diese sich immer weiter zuspitzende Gefühlslage besser als der Liederzyklus „Winterreise“ des Dichters Wilhelm Müller (1794–1827), kongenial vertont von Franz Schubert.

Das Projekt „Deutsche Winterreise“ beschreibt die Einsamkeit in unseren Städten wie sie im Winter besonders von Obdachlosen erlebt wird.

Lebenserinnerungen von wohnungslosen und sozial ausgegrenzten Menschen werden gemeinsam mit dem Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert aufgeführt. Die Aufführungen finden in Kirchen statt und werden für diakonische und kirchliche Träger veranstaltet.

Die am 12.12.2011 vorgestellte Studie der Universität Bielefeld unter Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer kommt zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland eine "anhaltend menschenfeindliche Situation" gibt: "Die Abwertung von Obdachlosen, Arbeitslosen und Behinderten, aber auch die Fremdenfeindlichkeit steigen erneut an. Auch und besonders Besserverdienende grenzen sich vermehrt von ärmeren Mitgliedern der Gesellschaft ab, und Engagement und Solidarität werden immer stärker danach bemessen, ob sie sich auch wirtschaftlich lohnen."
Diesem Trend stellt sich das Projekt entgegen.

Über das Medium Kunst wird eine im wahrsten Wortsinn „berührende“ Brücke geschlagen zwischen Menschen unterschiedlicher Schichten und Milieus. Das Kunstprojekt wirbt dabei um Solidarität, Verantwortung, Verständnis und Beistand für Menschen in sozialen Notlagen. Angesichts vieler Klischees und Vorbehalte gegenüber wohnungslosen und sozial ausgegrenzten Frauen und Männern fordert das Projekt zum Nachdenken über christliche und sozialstaatliche Verantwortung auf und lehnt Schuldzuweisungen und Verurteilungen ab. Der schmale Grat zwischen einem gesicherten Leben und einem Leben in Angst und Bedrängnis wird deutlich gemacht. Radikal, ungeschönt, aufrichtig und respektvoll trägt die Deutsche Winterreise das Leben von der Straße in Kirchen hinein.

Die Aufführungen der "Deutschen Winterreise" gehen aber weit über einen Liederabend hinaus; sie werden zum eigenständigen, sich stetig wandelnden Kunstwerk zwischen Dokumentation, Lesung, Liederabend und Konzert. An jedem Ort neu, anders und mit sozial ausgegrenzten und wohnungslosen Menschen speziell erarbeitet, ermöglicht das Kunstprojekt von Stefan Weiller eine ungewohnte Sicht auf Menschen und ihre Städte. Für jeden Aufführungsort entstehen neue Texte, eine neue Regie, neue musikalische Bearbeitungen. Das Kernstück der jeweiligen Aufführung bilden die vom Initiator geschriebenen Texte. Sie entstehen jeweils vor Ort auf Grundlage von Interviews, die er mit wohnungslosen und sozial ausgegrenzten Menschen führt.

Das Projekt wird in zwei Varianten aufgeführt: Erstens als Projekt, das soziale Not und Wohnungslosigkeit allgemein darstellt und zweitens als Projekt, das soziale Ausgrenzung und Wohnungslosigkeit von Frauen ins Zentrum stellt. Die klassische Aufführungspraxis eines Liederabends wird bewusst durchbrochen.

Jede Stadt hat ihre Winterreise. Jede Winterreise ist anders.
Zahlreiche Großstädte und eine Kleinstadt konnten bis November 2011 mit dem Projekt bereits positive Erfahrungen sammeln. Bis Mitte November 2011 wurden für die städtebezogenen Winterreisen 172 Interviews mit sozial ausgegrenzten Frauen und Männern geführt. Viele Medien loben das künstlerisch innovative, eigenwillige Projekt und attestieren höchstes künstlerisches und soziales Niveau. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist beachtenswert. Zwischen 400 und 600 Besucher sind bei entsprechender Öffentlichkeitsarbeit für den Besuch der Veranstaltung zu begeistern.