Bischof Huber: Kirchentag verbindet Frömmigkeit und Engagement

epd-Logo EKD-Ratsvorsitzender lobt ökumenisches Miteinander

Berlin (epd). Für Bischof Wolfgang Huber markiert die Verbindung von selbstbewusster Frömmigkeit mit öffentlichem Engagement das protestantische Profil des Kölner Kirchentages. Die Beteiligung Hunderttausender, etwa an Bibelarbeiten und theologischen Vorträgen, mache ihn zu einem einmaligen und protestantischen Ereignis, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in einem epd-Interview.

"Der Kirchentag muss die Kraft und das Unbequeme des christlichen Glaubens selbst zur Sprache bringen", sagte Huber. Die Losung "Lebendig und kräftig und schärfer" stehe für die Qualität des Wortes Gottes. Der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag findet vom 6. bis 10. Juni in Köln statt.

Vor dem Hintergrund der katholischen Prägung Kölns bezeichnete der EKD-Repräsentant es als "wunderbar, dass wir katholische Gastfreundschaft erleben und in Anspruch nehmen können". Umgekehrt habe der katholische Weltjugendtag 2005 die Gastfreundschaft evangelischer Kirchen im Rheinland in Anspruch genommen. "Dieses ökumenische Miteinander ist für mich das Wichtigste", sagte der Bischof.

Huber erinnerte daran, dass der Kirchentag nur wenige Wochen nach der Unterzeichnung der Vereinbarung über die wechselseitige Anerkennung der Taufe stattfindet. Deren "ökumenisches Potenzial" sei noch gar nicht ausgeschöpft. Er würde sich freuen, wenn das Signal dieser Vereinbarung in Köln aufgenommen und weitergeführt werde, so der Ratsvorsitzende.

Vom Kölner Kirchentag erwartet Bischof Huber auch Impulse für den Reformprozess in der evangelischen Kirche. Dieses Thema werde in vielen Veranstaltungen des Kölner Treffens mitschwingen. Eine Gegenüberstellung, wonach der Kirchentag Bewegung sei und die verfasste Kirche Stillstand bedeute, entspreche nicht der Wirklichkeit, sagte Huber: "Auch wer in eine kirchenleitende Verantwortung kommt, bleibt von bestimmten Dingen bewegt."

Huber selbst war Präsident des Düsseldorfer Kirchentags 1985, die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann leitete als Generalsekretärin von 1994 bis 1999 den Stab des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

30. Mai 2007


Das Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) im Wortlaut:

epd-Interview RV Kirchentag

epd: Der Kölner Kirchentag unter der Losung "Lebendig und kräftig und schärfer" wirbt mit einem stilisierten Haifisch. Wo muss der Kirchentag Schärfe zeigen und zubeißen?

Huber: Der Kirchentag muss die Kraft und das Unbequeme des christlichen Glaubens selbst zur Sprache bringen. Diese Seite des  christlichen Glaubens ist in unserer Gesellschaft in weiten Teilen unbekannt. Er muss deutlich und öffentlich zur Sprache gebracht werden. Lebendig und kräftig und schärfer – das ist die Qualität des Worts Gottes.

epd: Worin zeigt sich das protestantischen Profil des Kirchentag?

Huber: Der Kirchentag wird eine selbstbewusste evangelische Frömmigkeit erkennbar machen. Das Profil artikuliert sich deutlich in Bibelarbeiten und theologischen Vorträgen. Dies verbindet sich beim Kirchentag mit dem öffentlichen Engagement von Christen, die ihre Erfahrungen aus der Vielfalt ihrer Lebensbezüge einbringen. Der Kirchentag wird getragen von der Beteiligung Hunderttausender. Das macht ihn zu einem einmaligen und protestantischen Ereignis.

epd: Muss der Kirchentag sein Angebot enger fassen, um sich nicht dem Vorwurf von Beliebigkeit auszusetzen?

Huber: Der Kirchentag muss für die vielen, die kommen werden, ein Angebot und einen Veranstaltungsrahmen bieten. Das sind nicht nur die Dauerteilnehmer, sondern auch die Menschen, die aus der Region zu einzelnen Veranstaltungen kommen. Die vielen, die sich aktiv einbringen wollen, müssen für ihr Engagement einen Platz finden. Der Vorschlag, die Zahl der Veranstaltungen zu reduzieren, kommt immer wieder, und er läuft teilweise immer wieder ins Leere. In der Vielfalt ist zunächst eine Einheit zu erkennen, die heißt: lebendige Beteiligung. Erst durch den Verlauf des Kirchentags wird sich dann aber auch herausstellen, dass in der Vielfalt des Programms bestimmte Schlüsselbotschaften erkennbar sein werden.

epd: Der Reformprozess der evangelischen Kirche findet kaum Widerhall im Programm des Kirchentages. Ist das, was auf dem EKD-Zukunftskongress in Wittenberg diskutiert worden ist, das Programm der Funktionäre, während in Köln das Programm der Basis stattfindet?

Huber: Die Entgegensetzung von Funktionären und Basis ist keine evangelische Entgegensetzung, weder in der Theorie noch in der Praxis. Diejenigen Menschen, die in Wittenberg dabei waren, werden auch in Köln dabei sein. Und auch in Wittenberg waren nicht "Funktionäre" zusammen, sondern Menschen, die in und mit unserer Kirche leben. Reformdebatten brauchen mehr als eine Veranstaltung von wenigen Stunden. Deshalb  ist das, was in der Reformdebatte unserer Kirche ansteht, von der Fragestellung her nur in Teilen kirchentagsgeeignet. Trotzdem rechne ich fest damit, dass auch von den Tagen in Köln wichtige Impulse für den Reformprozess ausgehen werden.

epd: Gibt es Vorbilder?

Huber: 1965 hatte ein Kirchentag in Köln schon einmal eine wichtige Bedeutung für die Reformdiskussion in unserer Kirche. Damals gab es eine eigene Arbeitsgruppe zur Kirchenreform, deren Impuls zur kirchlichen Aufbruchsstimmung jener Zeit Wichtiges beigetragen hat. Ich bin aber froh darüber, dass das Thema in Köln nicht  einer Arbeitsgruppe zugewiesen ist, sondern in vielen Veranstaltungen mitschwingen wird.

epd: Viele Kirchentags-Persönlichkeiten – etwa Margot Käßmann als ehemalige Generalsekretärin oder Sie selbst als früherer Kirchentagspräsident – bekleiden längst höchste leitende Funktionen der verfassten Kirche. Inwieweit wird der Kirchentag seinem Anspruch noch gerecht, eine Bewegung zu sein?

Huber: Auch wer in eine kirchenleitende Verantwortung kommt, bleibt von bestimmten Dingen bewegt. Und eine Gegenüberstellung, nach welcher der Kirchentag Bewegung sei und die verfasste Kirche Stillstand bedeute, entspricht nicht der Realität. Dazu hat gerade der Kirchentag viel beigetragen, und mit ihm auch die vielen Personen, die mit Kirchentagserfahrung im Rücken kirchenleitende Verantwortung übernommen haben.

epd: Der Begleitkongress zum Kirchentag steht unter dem Motto "Die Macht der Würde" – was verbinden Sie mit diesem Begriff?

Huber: Die Menschenwürde führte vor 60 Jahren sowohl in der politischen als auch in der kirchlichen Diskussion ein absolutes Schattendasein. In dieser Diskussion hat sich einiges verändert. Menschen, die sich auf die Menschenwürde beziehen, gewinnen heute die Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten und eine Situation auch aus den Augen des Anderen, des Unterdrückten zu betrachten. In dem Maß, in dem dies geschieht, entfaltet sich so etwas wie die Macht der Würde.

epd: Kennen Sie ein konkretes Beispiel?

Huber: Die präzisesten Informationen über die Auswirkungen der Sperranlagen zwischen Israel und Palästina , die ich besitze, stammen von einer israelischen Organisation namens B’Tselem – der Name ist der hebräische Ausdruck für "Würde". Dies erinnert uns daran, dass die Menschenwürde der jüdisch-christlichen Tradition entspringt, nämlich der Überzeugung, dass der Mensch zum Ebenbild Gottes erschaffen ist.

epd: Köln ist katholisch geprägt, Was bedeutet das für den evangelischen Kirchentag?

Huber: Es ist wunderbar, dass wir katholische Gastfreundschaft erleben und in Anspruch nehmen können – wie übrigens der katholische Weltjugendtag vor zwei Jahren die Gastfreundschaft der evangelischen Gemeinden im Rheinland in Anspruch genommen hat. Dieses ökumenische Miteinander ist für mich das Wichtigste, unabhängig von den Prozentzahlen über den Anteil von Katholiken und Protestanten in der gastgebenden Region.

epd: Erwarten Sie in Köln Fortschritte in der Ökumene?

Huber: Der Kirchentag findet wenige Wochen nach der Unterzeichnung der Vereinbarung über die gegenseitige Anerkennung der Taufe statt. Das ökumenische Potenzial, das darin liegt, ist noch gar nicht ausgeschöpft. Ich würde mich freuen, wenn in Köln dieses Signal aufgenommen und weitergeführt würde.

epd: Der nächste ökumenische Kirchentag findet 2010 in München statt – sieben Jahre nach dem ersten 2003 in Berlin. Weitere sieben Jahre später ein ökumenischer Kirchentag im Lutherjahr 2017?

Huber: Im Augenblick ist es wichtig zu sehen, dass wir auf dem Weg von Berlin nach München schon die Halbzeit hinter uns haben. Vorrangig ist die Frage: Was bewegen wir noch bis zum zweiten Ökumenischen Kirchentag 2010 in München?

epd: Und 2017?

Huber: Im Blick auf 2017 stellt sich die doppelte Aufgabe, die evangelische Dankbarkeit für die Reformation zum Ausdruck zu bringen und zugleich die Reformation als ein ökumenisches Ereignis zu würdigen. Die große Herausforderung 2017 heißt: Können wir in ökumenischer Gemeinsamkeit sagen, was die Bedeutung der Reformation ist? Die evangelische Kirche ist ja nicht erst 1517 gegründet worden, sondern miteinander mit der katholischen Kirche haben wir eine gemeinsame 2000-jährige christliche Tradition. Die Reformation ist ein Teil dieser gemeinsamen Geschichte. Wenn es uns gelänge, 2017 einen Ökumenischen Kirchentag zu begehen, der dann noch einen weiteren Fortschritt gegenüber dem von 2010 bringt, würde ich mich sehr freuen. Über den Ort möchte ich nicht spekulieren. Eins aber steht jetzt schon fest: Die zentrale Feier am 31. Oktober 2017 wird in Wittenberg stattfinden.

Das Interview führte epd-Chefredakteur Thomas Schiller

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