Ausgezeichnet! Verantwortliche Beschäftigungspolitik in evangelischer Perspektive - Vortrag im Rahmen der Vergabefeier von ARBEIT PLUS auf dem Kirchentag in Köln

Wolfgang Huber

07. Juni 2007

I.

Dass Arbeit das Leben in unserer Gesellschaft weithin prägt, ist für die Kirchen schon lange ein grundlegendes Thema; sie haben dazu eine klare Position bezogen. So heißt es im Gemeinsamen Wort der Kirchen Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit von 1997: „Auch in der Zukunft wird die Gesellschaft dadurch geprägt sein, dass die Erwerbsarbeit für die meisten Menschen den bei weitem wichtigsten Zugang zu eigener Lebensvorsorge und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben schafft. In einer solchen Gesellschaft wird der Anspruch der Menschen auf Lebens-, Entfaltungs- und Beteiligungschancen zu einem Menschenrecht auf Arbeit.” 

In der Denkschrift der EKD Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität (der sogenannten Armuts-Denkschrift) aus dem vergangenen Jahr finden sich die Sätze: „Erfüllung in der Arbeit zeigt sich heute, wenn Menschen nicht nur arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch, weil die Arbeit ihnen Freude macht, Erfolgserlebnisse verschafft und weil sie Teilhabe an den gesellschaftlichen Prozessen bedeutet.“ 

Aktuelle Forschungsprojekte, aber auch Gespräche mit Menschen, die arbeitslos sind, verdeutlichen für mich immer wieder, dass Ausgrenzung und wachsende soziale Ungleichheit in unserem Land sich nicht allein durch Finanztransfers beheben lassen. Umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bedeutet heute - ob wir das gutheißen oder nicht - immer auch, am Pulsschlag unserer Arbeitsgesellschaft teilzuhaben. Kein Grundeinkommensmodell kann hieran etwas ändern. Man sollte deshalb auch nicht den Anschein erwecken, als könne das Modell eines Grundeinkommens für alle die Geißel der Arbeitslosigkeit mildern. 

„Die Arbeit gehört zum Menschen wie zum Vogel das Fliegen" heißt ein wichtiger Satz der christlichen Tradition, der sich in dieser Form zum ersten Mal bei Martin Luther findet. Schon die biblische Tradition entwickelt in völlig klarer Weise den Grundsatz, dass jeder Mensch die ihm von Gott gegebenen Gaben und Talente entfalten soll, um seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Wohlstandsentwicklung zu leisten. Gleichzeitig hält die Achtung vor der gleichen Würde jedes Menschen dazu an, eine Überforderung der Menschen und eine einseitige Bevorzugung der besonders Leistungsfähigen zu vermeiden. Dass nach dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg diejenigen, die - durchaus unfreiwillig - unterschiedlich lang Arbeit bekommen, trotzdem den gleichen Lohn erhalten, ist ein Symbol für den Vorrang der gleichen Würde vor den Unterschieden der Leistung und der Leistungsfähigkeit. Der Arbeit sind schließlich durch den arbeitsfreien Sabbat beziehungsweise Sonntag und durch andere Regelungen klare Grenzen gesetzt. Insgesamt ist deutlich, dass die Arbeit, eben weil sie in der christlichen Tradition eine so hohe Wertschätzung erfährt, so zu organisieren ist, dass alle an ihr Anteil haben, auch die Leistungsschwächeren. Man muss es deutlich sagen: Die Betonung des Leistungsprinzips bleibt nur so lange human, so lange die Würde der Leistungsschwächeren nicht in Zweifel gezogen wird. 

Vor diesem Hintergrund bergen die aktuellen Entwicklungen eine große Herausforderung in sich. Die Digitalisierung von Arbeitsvollzügen führt zu neuen Organisationsformen, Produkten und Orten der Arbeit. Die Bedeutung von räumlicher Entfernung schwindet. Dadurch entsteht ein globaler Arbeitsmarkt. Menschen müssen ihre Arbeitskraft nun unter den Bedingungen globaler Konkurrenz anbieten. Der Druck auf die Einzelnen wächst. Nicht wenige verlieren im schnellen Wandel der Anforderungen den Anschluss an die Arbeitswelt, andere werden zu Arbeitsnomaden, getrieben von den Flexibilitätsanforderungen eines globalen Marktes. 

Auch die Bedingungen unternehmerischen Handels verändern sich so gravierend, dass es nicht leicht ist, beschäftigungspolitische Spielräume auszumachen. Gewiss enthalten Wachstumsphasen, wie wir sie glücklicherweise gegenwärtig erleben, auch Chancen dafür, Beschäftigung zu schaffen. Aber auch darüber hinaus muss gefragt werden, welche Konzeptionen verantwortlicher Beschäftigungspolitik wir aus einer evangelischen Perspektive vertreten und was wir als Christen zu einer menschenwürdigen Gestaltung der Arbeitswelt beitragen können.

II.

Der Protestantismus hat sich immer wieder als ein wichtiger Motor wirtschaftlichen Engagements erwiesen. Ich erinnere nur an Max Webers Untersuchungen über die „protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus“. Er hat sich aber auch als kritisches Gegengewicht bewährt. „Verantwortete Freiheit“ - so lässt sich der Impuls bezeichnen, den die christliche Ethik in ihrer evangelischen Gestalt in die ethische Begründung wirtschaftlichen Handelns eingebracht hat. Gemeint ist damit eine Form von Freiheit, die zur Verantwortung für das erreichbare Maß an Gerechtigkeit nicht im Widerspruch steht, die mehr meint als allein individuelle Selbstbestimmung. Freiheit wird vielmehr nur zureichend wahrgenommen, wenn man die Einsicht einbezieht: Jeder Mensch ist für die Wahrnehmung seiner Freiheit auf die Hilfe anderer angewiesen. Deshalb ist jeder Mensch um seiner Freiheit willen im Maß des ihm Möglichen verpflichtet, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Verantwortung wahrzunehmen. Gemeinsames Leben entsteht erst, wenn sich der rein eigennützige Überlebenswille eines jeden Menschen mit der Bereitschaft zur Solidarität verbindet. Deshalb ist es auch verkürzend, wenn in vielen politischen Debatten der Begriff der Verantwortung nur noch in der verengten Betrachtung als "Eigenverantwortung” in den Blick tritt. Vielmehr ist es wieder an der Zeit, Eigenverantwortung und Verantwortung für andere im Zusammenhang zu sehen, statt sie gegeneinander auszuspielen.

Dies gilt insbesondere auch für die Personalpolitik von Unternehmen. Das christliche Menschenbild ist realistisch genug um anzuerkennen, ass Menschen durch mehr als nur durch Liebe angetrieben sein müssen, wenn sie dauerhaft gute Leistungen bringen sollen - und wollen. Doch das heißt eben, dass nach Verbindungen zwischen Leistungsmotivation und Nächstenliebe, zwischen Eigennutz und Gemeinwohl gesucht werden muss. Die ökonomischen Prinzipien der Rationalität und Effizienz im Umgang mit Ressourcen stehen hierzu nicht im Widerspruch.

Gerade auch im Blick auf eine unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten effiziente Personalführung muss man deutlich sagen: Wirtschaftliches Handeln kommt ohne Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, ja Empathie nicht aus. Erfolgreiches gemeinsames Arbeiten ist nur möglich auf der Basis von Vertrauen; es braucht Verantwortungsbewusstsein für den anderen und für die gemeinsame Aufgabe. Eine Erschütterung dieses Vertrauens lässt sich nur schwer beheben. Jürgen Heidenreich berichtet in seinem vor kurzer Zeit erschienen Buch „Kostenfaktor Mobbing“ eindrucksvoll, welche Konsequenzen Vertrauensverluste in Unternehmen schon im Kleinen haben. Zweistellige Milliardenbeträge umfassen sowohl die direkten als auch die indirekten Kosten von Mobbing für deutsche Unternehmen pro Jahr - entstanden durch geringere Produktivität und Ausfall von Mitarbeitenden, durch Reputationsverluste für die betroffenen Unternehmen und allgemeine volkswirtschaftliche Kosten. Sogar der Arbeitsausfall von Mitarbeitenden auf der Täterseite, die lieber ihre Kollegen schikanieren als einer produktiven Beschäftigung nachzugehen, muss in einer solchen Rechnung berücksichtigt werden. 

Eine evangelische Perspektive plädiert für einen mutigen und entschlossenen, ich möchte sagen: unternehmerischen Geist im Umgang mit den Beschäftigungsfragen und mit den Aufgaben der Personalführung. Er sollte von der Einsicht geprägt sein, dass man Menschen nur zum Engagement motivieren und befähigen kann, wenn man sie in ihrer je besonderen Situation ernst nimmt, also als Individuen wahrnimmt und ihnen in diesem Sinn mit Liebe begegnet. Auch für den Bereich der Wirtschaft müssen wir deutlich sagen: Die Behauptung, Nächstenliebe sei ein Wert von vorgestern und nur die Orientierung am Eigennutz sei modern, ist falsch. Oder anders: Die Nächstenliebe ist „lebendig und kräftig und schärfer“ als der bloße Eigennutz!

Das neutestamentliche Gleichnis von den anvertrauten Pfunden gehört für mich in diesen Zusammenhang (Matthäus 25,14-30). Es spricht genau genommen, von den anvertrauten „Talenten“. Dass mit diesem Wort in unserer Sprache nicht mehr eine Maßeinheit, sondern eine Gabe, eine Begabung bezeichnet wird, hat in diesem Gleichnis seinen Grund. Dass man seine Begabungen nicht verstecken, sondern nutzen soll, ist die Folgerung, die mit dem Wort „Talent“ von diesem Ursprung her verbunden ist. Im Blick hierauf sind für mich vor allem die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen vorbildlich, die in überdurchschnittlichem Maße junge Menschen ausbilden. Ebenso will ich Unternehmen hervorheben, die nicht nur der „Generation Praktikum“, sondern auch Langzeitarbeitslosen eine Chance geben. Denn ich sehe es als besonders wichtig an, die Fähigkeiten und den Erfahrungsschatz älterer Arbeitnehmender zu würdigen. Deshalb sollte unsere Gesellschaft all denen öffentlich mehr Anerkennung entgegenbringen, die genau in diesem Sinn Tag für Tag unternehmerische Verantwortung wahrnehmen.

III.

Doch nicht nur Unternehmerinnen und Unternehmer, Personalverantwortliche und andere Entscheidungsträger tragen beschäftigungspolitische Verantwortung. Wir können uns in unserem Nachdenken über solche Fragen nicht nur auf individuelles Verhalten konzentrieren können, sondern müssen auch die Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen in den Blick nehmen. Ich habe dabei konkret die Diskussion über die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft im Blick. Sie ist ein ordnungspolitisches Modell mit christlichen Wurzeln, das in einer Zeit besonders verteidigt werden muss, in der viele behaupten, dass unter den Bedingungen der Globalisierung nur der reine, „neolilberale“ Kapitalismus eine Chance habe. Dem muss man entgegenhalten: Nur eine sozial - und übrigens auch ökologisch - gebändigte soziale Marktwirtschaft ist dazu im Stande, die marktwirtschaftliche Ordnung mit sozialem Ausgleich zu verbinden und so den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern. 

Gerade im Kontext einer globalisierten Wirtschaft, in der nationalstaatliche Vorgaben die Gestaltung von Arbeit nicht mehr zu steuern vermögen, können und müssen Unternehmen Räume „guten Wirtschaftens“ darstellen. Denn es reicht nicht, eine „good governance“ der Staaten zu fordern; man muss heute auch eine „good governance“ der Wirtschaft erwarten. Die Achtung von internationalen Arbeitsnormen gehört hierzu ebenso wie die Berücksichtigung und Weiterentwicklung von Verhaltenscodices. Auch das mutige Vorhaben der deutschen G8-Präsidentschaft, Kontrollmechanismen gegenüber den immer einflussreicher werdenden Hedge-Fonds aufzubauen, gehört für mich in diesen Zusammenhang. Auch in dieser Hinsicht erwarten wir deutliche Signale von Heiligendamm. Wir werden auch unsere Enttäuschung deutlich zum Ausdruck bringen, wenn solche Signale ausbleiben.

Im Kern verlangt unsere Zeit ein verändertes Arbeitsethos, wie es im Kern in der Tradition des protestantischen Arbeitsethos angelegt ist. Nicht Fremdbestimmung und Sinnentleerung bestimmen dieses Ethos, sondern Einsatz für den Nächsten und Kreativität. Nicht repetitive Pflichterfüllung, sondern Dialogfähigkeit ist dafür charakteristisch. Die moderne Arbeitswelt in ihren stärksten Seiten erfordert diejenige Verbindung von Selbstbestimmung und sozialer Sensibilität, die wir im Blick haben, wenn wir davon sprechen, dass Freiheit und Verantwortung unlöslich zusammen gehören.

IV.

Unternehmerische Verantwortung muss heute auf soziale Nachhaltigkeit gerichtet sein und sich an der Lebensdienlichkeit des Wirtschaftens orientieren. Eine solche unternehmerische Verantwortung entsteht nicht von allein; sie muss von Menschen erwirkt und aktiv vorangetrieben werden. Aus Anlass des G8-Gipfels zeigt sich - und hier auf dem Kirchentag erleben wir es unmittelbar - , dass immer weitere Teile der Zivilgesellschaft beginnen, sich an dem Dialog über die großen Zukunftsfragen zu beteiligen. Die Frage nach einer menschengerechte Gestaltung von Arbeitsbedingungen gehört zu diesen großen Fragen. Dass Menschen das Angebot ihrer Arbeitskraft an die Funktionsmechanismen eines globalisierten Arbeitsmarkts anpassen müssen, reicht als Auskunft nicht mehr zu. Je stärker sie auf eine solche Weise funktionalisiert werden sollen, desto mehr fragen die Betroffenen vielmehr zugleich nach dem Inhalt ihrer Arbeit, nach dem Sinn ihres Tuns, nach dem Zusammenhang von Arbeit und Leben. Mit der
Zuwendung zu den Fragen nach Sinn und Verantwortbarkeit rebelliert die Seele der Menschen gegen ihre kommerzielle Reduktion. 

Das wird Folgen für die Wahrnehmung wirtschaftlicher Verantwortung haben, die weit hinausgehen über eine ansteigende Nachfrage nach fair gehandeltem Kaffee und sauberer Kleidung, deren Preis nicht durch Sklavenarbeit  gedrückt wurde. Nico Stehr wagt in seiner gerade erschienenen Gesellschaftstheorie „Die Moralisierung der Märkte“ sogar die These, dass Marktbeziehungen in Zukunft vorrangig nach moralischen Maximen ablaufen werden. 

Damit solche Visionen Wirklichkeit werden können, brauchen wir einen intensiven Dialog, eine gemeinsame Suche nach Handlungsspielräumen, in denen die Wahrnehmung von Verantwortung konkret möglich ist. Wirtschaftlicher Erfolg und eine menschengerechte Gestaltung der Arbeitswelt gehören zusammen. Dafür müssen immer wieder Brücken zwischen dem ethisch Geforderten und dem realistisch Leistbaren geschlagen werden. Von großer Bedeutung sind dafür praktische Vorbilder und innovative Konzepte betrieblicher Beschäftigungspolitik. 

Oft verweise ich deswegen in meinen Vorträgen auf unser Gütesiegel ARBEIT PLUS. Die Unternehmen, die diese Auszeichnung tragen, und diejenigen, die eine solche Vorbildwirkung positiv würdigen, leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass unsere Wirtschaft menschlicher wird und menschlich bleibt. 

So danke ich Ihnen als Vertreterinnen und Vertretern der acht heute auszuzeichnenden Firmen sehr herzlich dafür, dass Sie mit Ihrer Personalpolitik in Ihrer Branche als gute Vorbilder vorangehen. Das Gütesiegel ARBEIT PLUS soll Ihr beschäftigungspolitisches Engagement öffentlich bekannt machen, damit andere Firmen angespornt werden, Ihnen nachzueifern. So wächst Hoffnung in unserer Gesellschaft. Darauf, dass solche Hoffnung sich entfaltet, kommt es gerade in diesen Wochen an. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für all Ihr Tun.



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