Andacht im Deutschen Bundestag
Prälat Dr. Bernhard Felmberg
Berlin, 18. Juni 2009
Liebe Schwestern und Brüder!
Im Wochenspruch, der aus dem 10. Kapitel des Lukasevangeliums stammt (V. 16), spricht Jesus: „Wer euch hört, hört mich, und wer euch verachtet, verachtet mich.“
Vielstimmig ist der Chor, der uns jeden Tag aufs Neue umgibt. Fast permanent hören wir irgendwen irgendetwas sagen. Meinungen, zumal hier in diesem Hause politische, rauschen ständig und belegen unser Ohr und unseren Verstand.
Es ist gar nicht einfach, in dem ganzen Stimmengewirr dasjenige herauszufinden, was für das eigene Leben und Wirken wirklich wichtig ist.
Wörter, liebe Gemeinde, gibt es viele. Worte nur wenige. Und die, die Jesus gesprochen hat, rühren uns gleichsam göttlich an und öffnen das, was sonst vielleicht oft verschlossen ist: Unser Herz. Es springt an und es springt auf, wenn wir Gottes anregende Worte hören. Mag es eine Bibelstelle sein, die uns packt; ein Gedanke in einer guten Predigt, ein Segensvers oder die Strophe eines Liedes, die uns zum Schwingen bringt. Ein richtiger Sog kann da entstehen. Ein Sog, der unser Leben neu auf die Füße stellt, der uns losgehen lässt, weil Gott in uns etwas ausgelöst hat. In solchen Fällen merken wir, dass Gott uns selbst ergreift und Jesus hörbar zum Zuge kommt:„Wer euch hört, hört mich.“
Das ist die Verheißung, mit der die Predigt der Kirche geschieht. Jesus lässt sich durch die Verkündigung vernehmen. Nicht automatisch, sondern wenn man in Verantwortung des Auftrages unterwegs ist. Dann spricht Jesus durch den Mund dessen, der ihn in seinem Namen öffnet. Und der Auftrag ist klar und deutlich, den Jesus erteilt. „Heilt die Kranken“ lautet er, und „saget ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.“(Lukas 10,9)
Die Nähe Gottes, seine freie Gnade in Jesus Christus ist das Thema der Verkündigung. Sie hat die Aufgabe, das voranzubringen „was Christum treiben“ - so drückte es Luther aus.
Die Predigt, die das voranbringt, was Christus gemäß ist, ist gleichsam das Wort Jesu. Dann redet Jesus „selbst“. Er ergreift Menschen. Macht sie neu. Gottes Wort unterscheidet sich grundlegend von unseren Alltagswörtern. Diese klären – wenn es gut läuft – einen Sachverhalt. Mitunter verstellen sie aber oder verdunkeln, oder sie verbrämen und verzerren. Viele Alltagswörter verletzen. Das fällt uns nicht schwer. Destruktivität ist leicht und schnell erreicht. Aufbauen, trösten, stärken – das ist schwer und oft ein langer Weg.
Ganz anders bei Jesus: Seine Worte erbauen. Sie heilen Wunden. Sie schenken Hoffnung. Sie trösten. Sie motivieren Menschen. Und das ganz unangestrengt. In schöner Selbstverständlichkeit. Ein Beispiel hierfür ist unser Wochenspruch. Er gilt den 70 Jüngern, die Jesus in seinem Namen losschickt. Er sendet sie, er schickt sie. Und sie gehen. Ohne große Nachfrage oder Bedenkenträgerei. Als Geschickte sind sie unterwegs. Geschickte sind Missionare.
Was sollen sie im Namen Jesu machen? Sie sollen Kranke heilen und verkündigen, dass der Anbruch des Reiches Gottes nahe ist.
Für beides, für die Krankenheilung und die Predigt, sagt Jesus den Jüngern seine Kraft und Begleitung zu. Die 70 ziehen los, alle!
Zwei junge Menschen, die sich in diesem Auftrag Jesu aufgemacht haben, sind im Jemen auf grausame Weise ermordet worden.
Wie die 70 Jünger bei Lukas sind die beiden jungen Frauen im Namen Jesu ausgezogen. Auf der arabischen Halbinsel wollten sie Kranken beistehen. Sich um die Ärmsten der Armen kümmern, sagten sie. Sie haben sich aussenden lassen von einer Bibelschule in Brake bei Lemgo. Sie verabschiedeten sich von Freunden und Eltern für drei Monate – und gingen in die Wüste, arbeiteten in einem Krankenhaus.
Doch anders als die 70 bei Lukas kehrten die Mädchen nicht hocherfreut zurück. Sie teilten uns auch nicht erstaunt mit, wie gut sich alles im Namen Jesu anlässt. Vielmehr sehen wir, wie ihre Leichname in unwürdiger Weise aus der Wüste in Plastik zurückkommen.
Eine Mission der Nächstenliebe, der jugendlichen Leidenschaft für Jesus, vielleicht auch des glaubensfrohen Leichtsinns endet in der persönlichen Katastrophe. Das Leben zweier hoffnungsvoller engagierter Menschen ist zu Ende, bevor es richtig zur Entfaltung gekommen ist.
Lokale Islamisten, heißt es, fühlten sich anscheinend von den beiden jungen Frauen bedroht. Von zwei Frauen Anfang 20! Als Bedrohung können sie nur das erfahren haben, was die beiden getan und gesagt haben. Also die Taten der christlichen Nächstenliebe und das Führen des Namens Jesu im Munde.
Jesu Wort „Ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe“ bekommt vor dieser Tat eine grausame Aktualität.
Und indem ich dies ausspreche und darstelle, höre ich, wie in uns die Stimmen laut werden, die sagen: Mussten die beiden Mädchen gerade im Jemen ihren christlichen Glauben leben? Und: Hätte die Bibelschule nicht in voller Verantwortung vor Gott und diesen beiden Mädchen verhindern müssen, dass sie sich in diese Gefahr begeben?
Ja, liebe Gemeinde, diese Fragen müssen gestellt werden. Und es wird Menschen geben, die Antworten geben müssen.
Doch auf der anderen Seite müssen wir auch die Frage stellen, ob wir es akzeptieren dürfen, dass es Räume und Landstriche gibt, in denen das Handeln in Namen Jesu im diakonischen oder caritativen Sinne zum Tode führen kann oder muss.
Und weiter: Welche Empfehlungen geben wir solchen engagierten Menschen? Sich zurückzuhalten aus den Bereichen des Lebens, wo es gefährlich, ja lebensgefährlich werden kann? Nicht dorthin zu gehen, wo Hilfe nötig ist oder ein gutes und richtiges Wort angebracht ist? Wo fängt dies an? Wo hört dies auf? Ist es nur der Jemen, vor dem wir ein Stoppschild aufrichten oder auch anderswo? Vielleicht auch in brandenburgischen Regionen, wo sich Jugendliche in der evangelischen Gemeinde trotz einer großen Anzahl von jungen Nazis engagieren und gerade deshalb aufbegehren und sich zu Jesus bekennen. Sagen wir: Geh nicht hin, halt dich raus!?
Ist die Aussendung Jesu eine, die nur dahin führt, wo es vermeintlich sicher ist und die Menschenrechte beachtet werden?
Die 70 Jünger bei der Aussendung Jesu sind gegangen. Viele in unbekannte Gebiete und in eine ungewisse Zukunft. Christliches Leben war und ist immer durch alle Zeiten gefährdet.
So bleibt die Gewissheit unseres Glaubens – auch des Glaubens der jungen Frauen, dass Gott sich der Verstorbenen und Hinterbliebenen im Trost annimmt. Es bleibt auch die Hoffnung, dass Gott in uns den Willen stärke, im Glauben und im Handeln darauf zu wirken, dass wir Gewalt und Unterdrückung ächten, wo immer sie uns begegnet. Sei es in der Ferne oder in der Nähe.
„Wer euch hört, hört mich“ hat Jesus gesagt. Vielleicht ist es gerade dies, dass Prediger – wenn Gott es will – nicht eigene, sondern machtvolle Worte Jesu sprechen, die tief und heilvoll in das Leben von Menschen eingreifen – vielleicht ist es gerade dies, was die Predigt von Jesus für manche bedrohlich erscheinen lässt.
Aber so ist das: Wer durch den Mund eines Predigers von der Barmherzigkeit Gottes gepackt wird, der wird ein neuer Mensch. Der überwindet seine Angst und Sorge. Und kann mit neuem Mut, neuer Kraft und neuer Hoffnung seinen Weg gehen.
Amen


