"Altern in der Mitte der Gesellschaft - für mich und für andere"

Jahresempfang des Diakonischen Werkes der EKD - Grußwort

10. Februar 2012

Anrede,


ich freue mich, dass Sie mich eingeladen haben, zu diesem Jahresempfang im Namen der EKD ein kurzes Grußwort zu sprechen.

In Korrespondenz zum Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen 2012 lautet das Jahresthema der Diakonie „Altern in der Mitte der Gesellschaft – für mich und für andere“.

Damit nehmen Sie einen der wichtigsten Themenkomplexe unserer Zeit auf. Der demografische Wandel ist zwar seit langem in aller Munde - ein veränderter Umgang mit dem Thema Alter ist in unserer Gesellschaft allerdings noch kaum zu spüren.

Wie Sie wissen, hat auch die EKD diesem Umstand Rechnung getragen: Der Rat hat Ende 2009 eine Orientierungshilfe mit dem Titel „Im Alter neu werden können“ veröffentlicht.

Der demografische Wandel stellt uns alle, stellt die Kirche und die Diakonie im Besonderen vor große Herausforderungen. Die Kirche ist gewissermaßen Vorreiterin in Sachen Alter: In beiden großen Kirchen ist im Blick auf die Altersstruktur der Mitglieder schon Realität, was der Gesamtgesellschaft noch bevorsteht. Unsere Mitglieder sind durchschnittlich älter als die Bundesbürger insgesamt. Viele Gemeinden haben ihre Angebote entsprechend ausgerichtet. Altennachmittage und Seniorenkreise, Ausflüge und Freizeiten, Bildungsreisen, Beratungsangebote, Altenheimseelsorge – die Möglichkeiten für Menschen in der so genannten dritten und vierten Lebensphase sind vielfältig.

Für die Diakonie zeichnet sich eine Verlagerung ihrer Schwerpunkte ab: Neben altersgerechten Freizeitangeboten und der Entwicklung von Formen altersgerechten Wohnens wird die Versorgung einer wachsenden Zahl Pflegebedürftiger zu bewältigen sein.

Doch die Bedürfnisse von Älteren und Alten sind nicht primär zu verbinden mit etwaigen Einschränkungen. Immer mehr Menschen erleben eine immer größere Anzahl von relativ gesunden Jahren. Sie wollen sich gar nicht „zur Ruhe setzen“, sie wollen nicht nur empfangen, sondern ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend geben; sie wollen über ihre Berufsbiografie hinaus gebraucht werden, sie wollen, wie es das Jahresthema nahe legt, nicht nur „für sich“ altern, sondern auch „für andere“. „Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein“, heißt es im 92. Psalm.

Die aktuelle Studie des Diakonischen Werkes der EKD zum Thema Freiwilliges Engagement macht deutlich, wie dieses „Blühen“ aussehen kann, und wie hoch die Bereitschaft gerade der Älteren in unserer Gesellschaft ist, sich zu engagieren.

An dieser Stelle treffen sich die individuellen Bedürfnisse vieler Älterer mit den kollektiven Bedürfnissen des Gemeinwesens. Unsere Gesellschaft braucht das Engagement der heutigen Großväter und Großmütter und deren im Laufe ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten immer dringender. Viel ist in diesen Tagen daher von den Potenzialen des Alters die Rede, von dem „wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen“, der aus der Beteiligung älterer Menschen am Gemeinwesen erwachsen kann. Auch der jüngste Altenbericht der Bundesregierung, von dem wir heute sicherlich noch einiges hören werden, ist voll davon, und das macht Mut.

Aber es stimmt andererseits zumindest nachdenklich, wenn im Blick auf das Engagement betagter Menschen sehr häufig vor allem dessen wirtschaftlicher Nutzen herausgekehrt wird. Zwei Aspekte, die die EKD-Schrift zum Alter benennt, dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Erstens: Nicht alle Menschen über 65 sind leistungsfähig wie zuvor.

Die mit den Lebensjahren zunehmende Verletzlichkeit und Angewiesenheit des Menschen auf andere darf weder unser heutiges Altersbild bestimmen, noch komplett ausgeblendet werden. Eine individuelle Betrachtung der „neuen Alten“ ist notwendig, auch hier ist der aktuelle 6. Altenbericht sehr hilfreich.

Zweitens: Die Gefahr, im Alter von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen zu werden, betrifft nicht nur die Kranken und Pflegebedürftigen, sondern auch die Armen. Die schon jetzt erkennbare Zunahme von Altersarmut wird sich künftig verstärken. Gleichzeitig werden familiäre Hilfsnetze schwächer. Hier zeichnet sich eine Tendenz ab, die dem Zuwachs an Potenzialen im Alter entgegenläuft.

Alle die gesellschaftliche Beteiligung Betagter und Hochbetagter betreffenden Aspekte: ihre Bedürfnisse, ihre Potenziale und die Gefahren des Ausschlusses von der Gemeinschaft fordern Kirche und Diakonie in besonderer und in gemeinsamer Weise. Den aktuellen gesellschaftlichen Wandel, davon bin ich überzeugt, können wir nur mit vereinten Kräften gestalten.

Zu Recht wird in diesem Zusammenhang der Begriff der Gemeinwesendiakonie neu belebt. Verkündigung und professionelle tätige Hilfe, Spiritualität und diakonisches Engagement gehören zusammen.

Die im Jahresthema benannte „Mitte der Gesellschaft“, die Ort des Alterns sein soll – diese Mitte befindet sich da, wo die Abendmahlsfeier für ältere Menschen stattfindet, wo Gemeindemitglieder sich – Hand in Hand mit diakonischen Pflegeprofis - um Pflegebedürftige kümmern. Diese Mitte ist gleichfalls da, wo einer alten Dame die Einkäufe nach Hause gebracht werden. Die gleiche alte Dame kann dann vielleicht motiviert werden, sich ebenfalls zu engagieren und am Nachmittag das Nachbarskind in ihrem Wohnzimmer zur Nachhilfe empfangen. Begegnung ist vor allem im so genannten „nahen Sozialraum“ möglich, sie bedeutet Teilhabe, und sie schafft Solidarität.

Auf Ortsebene also können und sollten gemeinwesendiakonische Ansätze ein neues Miteinander von Kirche und Diakonie im Sinne nachhaltiger sozialer Teilhabe für ältere Menschen fördern. Dafür ist unser aller Engagement gefragt.

Ein schöner Schritt auf dem Weg zur Entwicklung und Förderung solcher Ansätze ist das im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung geförderte Projekt „Kirche findet Stadt“, an dem sich Diakonie, Caritas, die evangelischen und katholischen Akademien gemeinsam mit dem Kirchenamt der EKD und dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz engagieren.

Im Zusammenspiel mit Kommunen und anderen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren vor Ort sollen gute Praxisbeispiele für die zivilgesellschaftliche Bedeutung von Kirche und deren Beiträge zur sozialen Gestaltung der Lebensverhältnisse von Menschen in der Stadt analysiert und diskutiert werden.

Verehrte Anwesende, wenn solche Projekte erfolgreich sind, dann profitieren nicht nur die jeweils Beteiligten, sondern unsere gesamte Gesellschaft. Und nicht zuletzt erhöht sich ganz automatisch die Strahlkraft der christlichen Botschaft. Dann findet Kirche viel mehr als „Stadt/statt“.

Lassen Sie mich schließen mit einem kurzen Absatz aus der erwähnten Orientierungshilfe der EKD, der diesen wichtigen Zusammenhang benennt. „Wenn Gemeinden die Verknüpfung von diakonischer Professionalität und diakonischem und gemeindlichem Engagement gelingt“, so heißt es dort, „verändert sich auch das Bild, das Außenstehende von Kirche gewinnen. Sie erkennen und lernen, dass es zum Wesen der Kirche gehört, nicht vorrangig für den eigenen Bestand zu sorgen und für die eigene Klientel da zu sein, sondern als Kirche für und mit anderen die Botschaft des Evangeliums überzeugend zu leben.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Evangelische Kirche in Deutschland

www.ekd.de

Sonntags-Initiative

www.sonntagsruhe.de