Jakob und Rahel

Paare der Bibel

Rahel und Lea

Ach ja, Brüder. Zwillinge gar. Sie rangeln um ihren persönlichen Vorteil und um die Gunst der Eltern, sind Mamas Liebling oder Papas Herzblatt, tricksen, was das Zeug hält – und betrügen auch schon mal. Das Leben hat seinen Preis. Jakob etwa. Der hält seinen Zwilling Esau schon im Mutterleib an der Ferse fest, um zu verhindern, dass dieser als erster das Licht der Welt erblickt. Was aber misslingt. Er, das Hätschelkind der Mutter, weidet mit Umsicht und Erfolg die Herden. Vatersöhnchen Esau wird Jäger. Als Vater Isaak alt und blind und dem Tod nahe ist, soll Esau den Segen des Erstgeborenen erhalten. Das ist sehr wichtig in frühen Zeiten, ein Vorsprung an Leben – wie auch heute, in unsicheren Zeiten mit Terror, Kriegen und Katastrophen, Zeichen und Gesten des Segens als tröstlich empfunden werden.

Mutter Rebekka hilft Jakob arglistig, den Segen, der dem Bruder zukommt, zu erschleichen. So etwas bringt Ärger, und Jakob macht vorsorglich erst einmal die Fliege. Er bricht nach Haran am oberen Euphrat zu seinem Onkel Laban auf, durchaus auch in der Absicht, eine von dessen Töchtern zu heiraten. Doch in Laban findet Schlitzohr Jakob seinen Meister. Der beutet nicht nur dessen vorzügliche Sorge für die Herden aus, sondern will seine Tochter Rahel, in die Jakob sich verliebt, erst nach sieben Jahren Schufterei freigeben. Da Jakob als Flüchtling mittellos ist, den üblichen Brautlohn nicht zahlen kann und nur seine Arbeitskraft anzubieten vermag, muss er sich auf den Handel einlassen. Damit nicht genug. Als die Zeit endlich abgearbeitet ist, schmuggelt Laban Jakob seine verschleierte, weitaus weniger attraktive ältere Tochter Lea ins Bett. Und Jakob muss sich noch einmal für sieben Jahre verdingen, um Rahel heiraten zu dürfen.

Nun also ein Mann mit und zwischen zwei Frauen. So etwas geht selten gut. Aus Schwestern werden Rivalinnen, zumal Jakob Rahel mehr liebt als Lea. Der aber scheint der Kindersegen wichtiger zu sein als die Liebe. Als Rahel die ältere Schwester um ein paar Alraunfrüchte, ein Heilmittel gegen Unfruchtbarkeit bittet, giftet Lea: “Ist es nicht genug, dass du mir meinen Mann weggenommen hast?” Immerhin bleibt ihr der Triumph, dass sie gebiert und gebiert, Jakob sechs Söhne und eine Tochter schenkt, wogegen Rahel lange kinderlos bleibt. Im alten Israel – irgendwann in der Zeit von 2000 bis 1700 vor Christus – eine Schande. Am Ende wird Jakob mit den beiden Frauen und deren Mägden zwölf Söhne gezeugt haben. Sie machen Jakob zum Stammvater aller Israeliten, der zwölf Stämme.

Rivalinnen hin und her, einig halten die Schwestern Lea und Rahel gegen ihren Vater zusammen. Flucht und Kampf bestehen sie gemeinsam. Solidarität eben, die sich beim Zug der Familie und Jakobs groß gewordener Karawane heim ins Land Kanaan bewährt. Ein Weg übrigens, den das schale Gefühl begleitet, von einem zornigen Bruder erwartet zu werden, der sich einst vorgenommen hatte, Jakob für seine Hinterlist zu töten. Doch die Brüder versöhnen sich. Unterwegs von Bethel nach Efrata stirbt Rahel bei der Geburt des ersehnten zweiten Sohnes und wird am Ort ihres Todes beerdigt. Das Grab ist bis heute eine Pilgerstätte. Für Frauen, die um Kindersegen bitten. Und um eine sanfte Geburt.

Hans-Albrecht Pflästerer