Josef und das Weib des Potifar
Paare der Bibel
Wer mag schon Angeber leiden? Noch dazu, wenn sie petzen? Josef ist so einer. Spätgeborener Sohn von Vater Jakob. Und dessen Liebling. Das macht die Brüder und Halbbrüder nicht fröhlicher. Als Josef eines Tages nach ihnen sieht, wie sie Vaters Herden weiden, schmeißen sie ihn zunächst in eine Zisterne. Und als eine Karawane vorbeizieht, verkaufen sie ihn für zwanzig Silberstücke als Sklaven in Richtung Ägypten. Dem Vater machen sie weis, ein wildes Tier habe sein Herzblatt zerrissen. Das blutige Hemd macht es ihn glauben.
Josef also in Ägypten, das lässt sich gar nicht so schlecht an. Denn er kommt in das Haus des Potifar, eines hohen königlichen Würdenträgers und Obersten der Leibwache. Der kauft ihn frei. Er schickt ihn nicht aufs Feld, sondern setzt ihn zum Verwalter ein und vertraut ihm seinen Besitz an. Er selbst kümmert sich nur noch um seine privaten Belange wie Essen und Trinken.
Josef bringt dem Haus also Segen. Und ein hübscher Kerl ist er dazu. Das bleibt auch Potifars Frau nicht verborgen. Die ist bald richtig spitz auf ihn und macht ihm ganz unverstellt klar, dass sie mit ihm ins Bett möchte: "Schlaf mit mir!" Möglicherweise ist Potifar ein Eunuch, also künstlich zeugungsunfähig gemacht, und zum Beischlaf nicht imstande.
Nicht immer macht Gelegenheit auch Diebe. Die Frau, die in der Bibel ohne Namen bleibt, einer persischen Quelle zufolge jedoch Suleika heißt, müht sich mit allen Mitteln, Josef zu verführen: Er bleibt standhaft. "Obwohl sie Tag für Tag auf Josef einredet, bei ihr zu schlafen und ihr zu Willen zu sein, hört er nicht auf sie", schreibt Thomas Mann in seinem episch breiten Roman "Joseph und seine Brüder". Hätte er sich mit ihr eingelassen, wäre dies ein Vertrauensbruch seinem Herrn gegenüber gewesen, ein nach menschlichem wie göttlichem Urteil verwerflicher Akt. Möglicherweise ein todeswürdiges Verbrechen.
Doch so viel verschmähter Sex kommt nicht gut. Eines Tages, als niemand von den Bediensteten anwesend ist, versucht das leidenschaftliche Weib einmal mehr, Josef zu überlisten. Als es ihm an die Wäsche geht, flieht er vor der wilden Begierde. Und lässt dabei sein Gewand zurück. Pech für ihn. Denn nun schlägt enttäuschte Liebe in Hass um. Das Kleidungsstück wird zur Trophäe. Vor dem Gesinde streut die gedemütigte Frau die Lüge, Josef habe sie vergewaltigen wollen. In dieser Anklage wird der nicht einmal mehr mit Namen genannt, sondern als "Hebräer" bezeichnet, Ausdruck für die Verachtung diesem Fremden gegenüber. Das kommt an, denn der junge Mann in der guten Position hat manche Neider. Und Potifar gerät in eine schwierige Situation: Sollte er die Version seiner Frau anzweifeln, würde er sie und sich vor dem Gesinde bloßstellen.
Es bleibt offen, wem sein Zorn letztlich gilt. Möglicherweise hat er Zweifel an der Treue seiner Frau, die mit ihrer Lüge aus der Geschichte verschwindet, ohne jede weitere Spur. Potifar aber muss sein Gesicht wahren. Er hätte den Sklaven töten können. Doch er bringt ihn nur ins Gefängnis. Dass es das des Königs ist, wird zur glücklichen Fügung. Die verweigerte Affäre mit Potifars Frau ist nur eine Episode unterwegs in eine große Zukunft: Josef steigt zum obersten Beamten des Pharao auf.
Hans-Albrecht Pflästerer
