Judit und Holofernes

Paare der Bibel

Franz von Stucks Version der Judit steht für die Gefahr, die in der Sinnlichkeit des Weiblichen schlummert.

Die Geschichte ist erfunden. In ihr geht es um Übermacht und Bedrohung, um Wehrlosigkeit und Schwäche. Die Macht verkörpert der Feldherr Holofernes, ein heidnischer Kriegsmann. Für die Ohnmacht steht Judit, eine fromme Jüdin. Und es geht um männliche Begierde, die sich als zerstörerisch erweisen wird.

Judit ist Witwe. Sie ist reich, verfügt über Gold und Silber, gebietet über Knechte und Mägde, besitzt Vieh und Felder. Sie lebt in Betulia, das an einer Passenge im Bergland von Judäa liegt. Aber um die Stadt steht es nicht gut. Sie ist belagert und, wie im Orient üblich, vom Wasser abgeschnitten. Da bleibt der Bevölkerung wohl nur die Kapitulation.

Holofernes ist Oberbefehlshaber des babylonischen Königs Nebukadnezar. Der ist im sechsten Jahrhundert vor Christus die überragende Herrschergestalt seiner Epoche, zugleich freilich Repräsentant eines gottwidrigen Heidentums. Sein Feldherr führt 170 000 Fußsoldaten und 12 000 reitende Bogenschützen an, um die Staaten zwischen Rotem Meer und Mittelmeer zu unterwerfen. Es ist Nebukadnezars Rache dafür, dass ihn keines der Völker zwischen Persien und der Mittelmeerküste im Krieg gegen den Mederkönig Arphaxad unterstützt hat.

Doch der kriegerische Herrscher macht die Rechnung ohne die gesetzestreue und gottesfürchtige Judit. Sie zieht die Blicke aller Männer auf sich, ihre Schönheit ebnet ihr den Weg bis zum Zelt des Holofernes. Listig schmeichelt sie dem Feldherrn, der wie sein Gefolge ihre Schönheit und ihre Weisheit bewundert: “Es gibt von einem Ende der Erde bis zum andern keine zweite Frau, die so bezaubernd aussieht und so verständig reden kann.”

So eine Frau weckt Lust. Sie bleibt mehrere Tage im Lager. Als Holofernes sie zu einem Gelage einlädt, legt sie ihr Festkleid und all ihren Schmuck an. Die Diener ziehen sich aus dem Zelt zurück, um dem Feldherrn eine ungestörte Liebesnacht zu ermöglichen. Doch dazu kommt es nicht. Zu heftig spricht Holofernes dem Wein zu, schließlich ist er sturzbetrunken. Judit greift sich sein Schwert, Symbol der Männlichkeit, packt ihn an den Haaren und schlägt ihm den Kopf ab. Mit dem Haupt als Trophäe entkommt sie unbehelligt dem feindlichen Lager. Als die Soldaten am folgenden Morgen den Leichnam ihres enthaupteten Feldherrn entdecken, ergreifen sie panisch die Flucht. Und die Israeliten haben leichtes Spiel.

Durch ihre Persönlichkeit, ihren Mut und ihre Vaterlandsliebe wird Judit zur Heldin einer großen jüdischen Volkssage, die späteren Generationen als Leitbild dient. Ihre Tat, bei der sie ihr eigenes Leben riskiert, geschieht aus einer tiefen Notsituation heraus. Geschickt und gezielt setzt sie dabei ihre erotische Ausstrahlung ein, ein Mittel zum Zweck. Künstlerische Darstellungen wie die des Franz von Stuck spielen denn auch auf die Gefahr an, die in der Sinnlichkeit des Weiblichen schlummert und von der jener verführerische Reiz ausgeht, dem Männer wie Holofernes blind und arglos erliegen.

Hans-Albrecht Pflästerer



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