Salomo und die Königin von Saba

Paare der Bibel

Eine Geschichte wie im Märchen. Und eine Märchenwelt. Da ist Salomo, Israels dritter König. Regent an einem Hof von kaum beschreibbarem Glanz. Weitsichtig und weltoffen. Überall in der Welt als weise und gerecht geschätzt. Er verwirklicht ehrgeizige und extravagante Bauprojekte wie den Königspalast und den Tempel. Seine kluge Politik sichert dem Land im zehnten Jahrhundert vor Christus über vier Jahrzehnte den Frieden und beschert ihm ein goldenes Zeitalter, geprägt durch Wohlstand und Stabilität. Nach jüdischer Tradition versteht Salomo die Sprache der Vögel, Bäume und Winde.

Und da ist die Königin von Saba. Aus einer Region, die man etwa im heutigen Jemen ansiedeln kann. Saba ist ein wichtiger Umschlagplatz im Handel zwischen Indien, Ostafrika und dem östlichen Mittelmeerraum.

Die Königin von Saba ist eine legendäre Gestalt. Einen Namen hat sie nicht. Jedenfalls nicht in der Bibel. Sie mag nicht glauben, was man von Salomos Ruhm und Reichtum erzählt. Vielleicht wittert sie aber auch einen Konkurrenten im Gewürzhandel, der mehr und mehr Einfluss gewinnt und die Karawanenrouten kontrolliert. Und so rückt sie mit großem Gefolge in Jerusalem an, um sich selbst ein Bild zu machen. Ihre Kamele sind schwer beladen mit Duftölen, Gold und Edelsteinen, Handelsgut aus ihrer Heimat. Sie wird es dem König vor ihrer Rückkehr zum Geschenk machen.

Die Königin von Saba hat auch eine Reihe von Rätseln im Gepäck. Sie will Salomos Wissen überprüfen. Ist er wirklich ein so außergewöhnlicher Mensch? Solche Rätselfragen schärfen Geist und Witz und sind schon in alten Zeiten ein beliebtes Gesellschaftsspiel mit Zügen eines geistigen Wettkampfes. Doch Salomo bleibt keine Antwort schuldig.

Nicht nur dies. Salomo zeigt dem Gast all seinen Reichtum, führt die Königin durch seinen Palast, richtet ein opulentes Festmahl aus, bei dem Männer in kostbaren Gewändern dienen, und führt sie auch in den Tempel, in dem er seinem Gott Brandopfer darbringt. Die Königin ist außer sich vor Staunen, ihr stockt der Atem. Alles, was ihr über Salomo zugetragen worden war, wird bei weitem übertroffen. Und sie räumt ein: “Nicht die Hälfte hat man mir gesagt.” Die märchenhafte Pracht am Hofe verstellt ihr auch nicht den Blick auf Gottes sichtbares Wohlgefallen, dem der König seine Stellung verdankt.

Salomo ist nicht nur unvorstellbar reich und berühmt wegen seiner sprichwörtlichen Weisheit. Er ist auch großzügig. Gewährt der Königin “alles, was ihr gefällt und was sie erbittet”. Darüber, ob diese lockere Formulierung auch ein Liebesverhältnis umschreibt, wird immer wieder spekuliert. Sollte ein Mann, dem ein Liebesleben in großem Stil und ein gewaltiger Harem mit 700 Haupt- und 300 Nebenfrauen zugeschrieben wird, ausgerechnet eine exotische Schöne verschmähen? Aber die Beziehung der beiden ist ihr Geheimnis und beflügelt allenfalls die Fantasie.

Manchmal ist es mit der Bibel wie mit dem Theater: Der Vorhang zu – und alle Fragen offen.

Hans-Albrecht Pflästerer