Simson und Delila
Paare der Bibel
Der ideale Mann ist sanft, einfühlsam und sensibel. Und er hat kräftiges Haar. Jedenfalls redet die Werbung uns das ein. Die erotische Ausstrahlung kommt aus der Mähne.
Simson ist gewiss kein idealer Mann. Der hat zwar auch eine beeindruckende Matte. Aber einfühlsam, sanft, sensibel? Kein Stück.
Sanft ist nur sein Name: kleine Sonne. Doch sonst ist alles an ihm übermenschliche Stärke. Ein Kerl wie ein Baum. Typ Herkules. Mit einer Kraft, die einen Löwen in Stücke zerlegt, als sei er ein Hase. Ketten streift er ab wie Kordeln. Stadttore reißt er samt den Pfosten aus. Und anbrennen lässt er auch sonst nichts.
Wo er auftaucht, ist meist Zoff angesagt. Denn mit ihm ist nicht gut Kirschen essen. Freund und Gegner fürchten ihn. Und wenn er sich hintergangen fühlt, ist seine Rache fürchterlich. Leichen pflastern seinen Weg.
Simsons Leben ist eine einzige Auseinandersetzung mit seinen und Israels Feinden, den Philistern. Die kamen vermutlich aus dem ägyptischen Raum über Kreta und Zypern an die südliche Palästinaküste, setzten sich in der Gegend um Gaza fest. Jetzt geben sie den Israeliten Saures. Aber Simson, ein von Jugend an Gott geweihter Einzelgänger, setzt ihnen mit kühnen Handstreichen und eindrucksvollen Gewaltakten zu.
Dem Geheimnis seiner rohen Kräfte kämen die Feinde nur zu gern auf die Spur. Da trifft es sich gut, dass Simson sich verliebt. Sie heißt Delila, ist selbst eine Philisterin. Sie wird seine Frau. Und sein Verderben. Denn ihre Stammesgenossen bedrängen sie, damit sie Simson das Geheimnis seiner Stärke entlocke. Der führt sie zwar ein ums andere Mal an der Nase herum, verrät jedoch am Ende genervt die Wurzeln seiner Energie: Sie liegen in seinen Haaren. Würden die geschoren, so würde ihn seine Kraft verlassen. Also schneidet die mit Geld bestochene Delila dem Berserker im Schlaf die Locken ab und überlässt ihn seinen Feinden. Sie stechen ihm die Augen aus und legen ihn in Ketten. Der Held von gestern – ein Jammerlappen.
Aber seine Haare wachsen nach. Mit ihnen kehrt die Kraft zurück. Als die Philister während eines Festes, bei dem in einem großen Haus alles versammelt ist, was Rang und Namen hat, sich ihren Spaß mit ihm machen, reißt er in einem letzten Gewaltakt die Säulen des Hauses ein. Noch einmal leistet er ganze Arbeit. Mit ihm werden viele der übermütig spottenden Gegner erschlagen. Delilas Schicksal verliert sich im Dunkeln.
Simson und Delila zählen zu den klassischen Paaren des Alten Testamentes, die Erzählung gehört zu den bekanntesten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Delila ist der Typ einer gefährlichen Verführerin, in ihrer Durchtriebenheit eine Symbolfigur für weibliche List und Tücke, die selbst einem Helden zum Verhängnis wird. Simson steht für unbändige Stärke, ist zugleich aber auch ein Musterbeispiel für die Verwundbarkeit des Mannes. “Jeder Mann hat eine Achillesferse oder tönerne Füße, die ihn zu Fall bringen und alles zu zerstören drohen, was er erreicht hat. Seine Schwäche kann aus dem Herzen kommen, dem Sitz der Werte, aus dem Magen, dem Sitz der Bewegung, oder aus den Genitalien, dem Sitz der Leidenschaft”, wusste der verstorbene Theologe Patrick M. Arnold. “Alle Männer, vor allem die erfolgreichsten, haben große Schwächen. Ein Mann, der das nicht weiß, ist ein Narr.”
Hans-Albrecht Pflästerer
