Debora
Frauen im Alten Testament, das sind vor allem Mütter. Auch Verführerinnen, Opfer sexueller Gewalt, Nebenfrauen, weise Frauen. Es sind Wahrsagerinnen und Königinnen, Hebammen, Sklavinnen und Huren. Aber es sind auch Richterinnen und Prophetinnen. Kaum mag man glauben, daß in einer so männlich dominierten Gesellschaft eine Frau Recht sprechen und sogar zur Kriegsheldin werden kann.
Debora jedenfalls schafft beides. Sie sitzt unter einer Palme irgendwo im Gebirge Ephraim und entscheidet in strittigen Rechtsfällen, mit denen die Leute zu ihr kommen. Von ihrem Mann ist nicht einmal die Stammeszugehörigkeit bekannt. Er spielt neben dieser starken Frau offenbar keine Rolle. Sie aber ist eine der herausragenden Gestalten des Alten Testaments.
Eigentlich ist es immer dasselbe. Die Israeliten nehmen es nicht so genau mit der Moral und nerven ihren Gott. Der liefert sie der Gewalt Jabins aus, des Königs von Kanaan. Und Jabin hält das Volk mit seinen neunhundert Streitwagen schon zwanzig Jahr klein.
Schluß damit, sagt Debora, und organisiert den Kampf gegen die Unterdrücker. Sie läßt den Feldherrn Barak zu sich kommen und rät zur Attacke. Indem sie nicht nur beschreibt, wo der Kampf gegen Jabins Feldherr Sisera stattfinden wird, sondern sogar einen Sieg der Israeliten voraussagt, beweist sie ihre politische Kraft.
So zieht Barak südwestlich vom See Genezareth zwar 10.000 Krieger zusammen, will die Schlacht aber nur unter der Bedingung suchen, daß Debora ihn begleitet. Ihre Anwesenheit macht den Krieg zum heiligen Krieg. Gemeinsam besetzen sie erst einmal den Berg Tabor, von dort läßt sich die Ebene gut überblicken. Sisera sammelt seine Männer beim Bach Kischon, ein Fehler, der geradewegs in die Katastrophe führt. Ein Unwetter macht das Rinnsal zum reißenden Fluß, der Boden weicht auf, was die Gegner in ihren Streitwagen in panische Verwirrung stürzt. Barak jagt Wagen und Heer, auch nicht ein Mann überlebt. Sisera selbst findet Zuflucht in einem Zelt, wird verköstigt. Die Gastfreundschaft erweist sich als arge List, denn als er eingeschlafen ist, treibt ihm eine Frau namens Jael einen Pflock durch die Schläfe.
Die Schlacht liefert den Stoff für das Debora-Lied, das zu den ältesten Stücken der Bibel gehört. Es wird zwar Debora zugeschrieben, ist aber wohl von einem unbekannten Sänger auf sie und ihre Tag hin erdichtet worden. Alle sollen in den Siegesjubel einstimmen: die Hochgestellten wie die einfachen Leute, die zu Fuß des Weges ziehen. Sie alle preisen die Gerechtigkeit Gottes, der sich mit seinem Volk verbündet.
Prophetinnen treten an Wendepunkten der Geschichte Israels auf. Wie Debora beweist. Eine Frau mit einem bemerkenswerten Spielraum in der Gesellschaft und eine jener Gestalten, die das Selbstbewußtsein der religiösen Israelin bis heute prägt.
Hans-Albrecht Plästerer
Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.
