Habakuk
Das kommt uns doch bekannt vor, wenn einer mit dem Unrecht und den Schicksalsschlägen auf der Welt hadert und darüber fast vom Glauben abfällt. "Wieso läßt Gott das zu?" Die Frage kann man alle Tage stellen, und Anlässe gibt es genug: Flugzeugabstürze und Flutkatastrophen, Kriegsgreuel und barbarische Gemetzel, Busunfälle, Zugunglücke, gesunkene Fähren, Wirbelstürme, Waldbrände. Blinder Fanatismus: Stichwort Algerien oder Ägypten. Immer sind Opfer zu beklagen, oft genug Kinder, die ihr Leben doch noch vor sich hatten.
Es war leider nie anders. Habakuk, einer der zwölf kleinen Propheten des Alten Testaments, nimmt zornig seinen Gott an: "Warum greifst Du nicht ein, wenn diese Verbrecher diese verschlingen, die soviel besser und rechtschaffener sind als sie?" Es ist Krieg, wie so oft. Schon lange wird Israel von den Assyrern unterdrückt, aber nun droht noch Schlimmeres. Die Babylonier, die Habakuk als wildes, erbarmungsloses Volk beschreibt, besiegen die Asssyer und lösen sie als Folterknechte und Ausbeuter der Israeliten ab.
Habakuk, von dem niemand weiß, woher er kam und wo er starb, muß Ende des siebten Jahrhunderts vor Christus gelebt haben, denn zwischen 612 und 539 bestand das Neubabylonische Reich im Vorderen Orient.
Das Buch Habakuk ist kurz, umfaßt nur 56 Verse. Es sind Ausbrücke der Empörung über die sozialen Mißstände. Darunter sind Sätze, die zur Grundlage des Christentums gehören und später immer wieder aufgegriffen werden. Beispiel: "Wer das Recht mit Füßen tritt, geht zugrunde, aber wer mir die Treue hält und das Rechte tut, rettet sein Leben."
Habakuk redet Klartext. Voller Leidenschaft ist sein Appell an Gott, die Unterdrücker zu bestrafen. In seinem Zorn malt er sich Vergeltung aus, die eines Tages über sie kommen wird: "Wer ausbeutet, wird selbst ausgebeutet werden; wer durch Böses seinen Besitz mehrt, verwirkt sein Leben; wer Blut vergießt, wird von der Herrlichkeit Gottes überwältigt; wer Gewalt ausübt, gerät selbst unter Gewalt, und Götzendiener werden vor Gott in seinem Tempel verstummen." Visionen, die wie Flüche klingen.
Und dann noch eine Vision: Von Gott als furchterregendem Kriegsherrn, vor dem alle Feinde zittern, der Gebirge einstürzen und Ströme zu Meeren werden läßt: Vor ihm her ging Pestilenz, und Plage ging aus, wo er hintrat. Die Berge sahen dich, und ihnen ward bange, der Wasserstrom fuhr dahin, die Tiefe ließ sich hören, die Höhe hob die Hände auf. Sonne und Mond standen still. Deine Pfeile fuhren mit Glänzen dahin, und deine Speere mit Blicken des Blitzes. Du zertratest das Land im Zorn und zerdroschest die Heiden im Grimm ... Der Feigenbaum wird nicht grünen, und es wird kein Gewächs sein an den Weinstöcken, die Arbeit am Ölbaum fehlt, und die Äcker bringen keine Nahrung, Schafe werden aus den Hürden gerissen, und es werden keine Rinder in den Ställen sein."
Ein Psalm, der von Saiteninstrumenten begleitet werden soll. So möchte es der Prophet. Ein gar sanftes Instrument für einen Menschen, dessen Leben kaum Grund zur Freude bieten kann.
Hans-Albrecht Plästerer
Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.
