Hesekiel

Szene einer Vision Hesekiels

Die Szene taugt für jeden Gruselfilm: Da stakt ein Mensch über ein weites Feld voller Totengebeine. Ganz verdorrt. Dann ein Rauschen, die Knochen rücken zusammen, Sehnen und Fleisch wachsen darauf, und sie werden mit Haut überzogen. Atem durchdringt sie, in die neugeformten Körper kehrt Leben ein, sie stellen sich auf die Füße: Ein riesiges Heer. Ein Drehbuch aus der Bibel. Die hier überlieferte Schau des Propheten Hesekiel, auch als Ezechiel bekannt, gehört in die Reihe der großen Visionen. Diese ist Symbol für die Errettung der Königreiche Juda und Israel und deren Wiedervereinigung. Sinnbild für die Wiederbelebung eines Volkes ohne Land, das zerstreut in der Fremde lebt und eigentlich keine Zukunft mehr hat. Für die Wende nach der Katastrophe.

Hesekiel gehört zu den großen Propheten des Alten Testaments. Und er ist wohl der eigenartigste von allen. Ein bißchen schräg. Schwebt durch die Luft, und das nicht nur einmal. Erlebt Phasen, in denen er weder sprechen noch sich bewegen kann. Lebt zur Zeit, als es mit dem Königreich Juda zu Ende geht. In Babylon regiert seit 604 vor Christus Nebukadnezar mit dem politischen Ziel, den Vorderen Orient unter seine Kontrolle zu bringen. Als Jerusalem sich durch die Nähe zu Ägypten zu schützen sucht, macht der König kurzen Prozeß, umlagert die Stadt, zwingt sie zur Kapitulation und läßt einen großen Teil der Oberschicht nach Babylon in die Verbannung führen. Unter den Deportierten findet sich auch Hesekiel, der Sohn eines Priesters.

Das gleichnamige Buch erzählt in ebenso originellen wie seltsamen Bildern seine Berufung zum Propheten, sein Leben und Wirken in der Gefangenschaft. Propheten sind nicht so sehr Wahrsager, sondern eher Wegweiser. Zukunft ist ihnen wichtiger als Herkunft, ihr Geschäft ist die Suche nach Auswegen und Umorientierungen. Verkündet Hesekiel zunächst die Unabwendbarkeit des göttlichen Strafgerichts über die schuldbeladene Stadt und macht zugleich die Hoffnungen der Verbannten auf baldige Heimkehr zunichte, so hat er nach der Eroberung Jerusalems, der Zerstörung von Stadt und Tempel, seine Aufgabe darin gesehen, die Verzweifelten aufzurichten und zu trösten.

 Die Vision von der Erweckung der Totengebeine ist ein überaus plastisches Gleichnis dafür, daß Gott das zerschlagene Volk aufrichtet. Sie liefert auch den Stoff für ein noch heute volkstümliches Negro Spiritual, in dem das menschliche Skelett, wie Peter Calvocoressi schreibt, "Knochen für Knochen beschwingt zusammengesetzt wird". Am Ende entwirft Hesekiel ein Bild von diesem neuen Israel, das er als heilige Gemeinde versteht, abgesondert von den übrigen Völkern, mit dem Tempel als Mittelpunkt. Ein Vorgriff auf das neutestamentliche Bild vom neuen Jerusalem, das freilich, wie die politische Situation unserer Tage belegt, noch immer auf sich warten läßt.

Hans-Albrecht Pflästerer

Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.


 



erweiterte Suche

 



Das könnte Sie auch interessieren...


Unsere Zehn Gebote

www.unsere-zehn-gebote.de

Woher kommen unsere Werte? Wo liegen unsere Wurzeln?

 


Bibelspiele im Internet

www.ekd.de/spiele

Auf unterhaltsame Weise biblische Geschichten neu entdecken ...



...und außerdem:


Informationen

Kirche für Einsteiger

Wenn Sie Fragen haben. Oder evangelisch werden möchten. Hier finden Sie Antworten.

 


Vor Ort

Gemeinden und Gottesdienste

Informationen und Angebote für Ihre Kirche vor Ort

 


Die Web-Kirche

Christus-Pavillon

Memory, Galerie der Kirchen, Ideenbuch, Rückblick auf die EXPO 2000, Kloster Volkenroda