Jesaja
Alles beginnt mit einer Vision. Jesaja sieht Gott als König auf einem sehr hohen Thron. Die Erscheinung ist so riesenhaft, daß allein der Saum des Mantels die Tempelhalle füllt. Beben, Donnerstimme und Rauch sind - wie so oft im Alten Testament - ihre Begleiter. Wendezeit. Ein Mensch wird aus seinem bisherigen Leben herausgeholt und in den Dienst seines Gottes genommen. Er wird berufen. Von nun an hat er eine Botschaft weiterzugeben, die ihm aufgetragen ist. Auch wenn er dafür Widerstand und Feindschaft auf sich zieht, weil diese Kunde den eigenen Vorstellungen und Wünschen zuwiderläuft.
Wie die anderen Propheten, deren Verkündigung schriftlich festgehalten und später zum Kern eigener Bücher wird, lebt auch Jesaja in einer Zeit, in der Juda wie Israel tödlich bedroht ist, schließlich vernichtet wird, um später - nach dem Exil - im eigenen Land noch einmal eine neue Existenz beginnen zu dürfen. Zwar ist seine Abstammung aus königlichem Geschlecht nicht nachzuweisen, aber er muß dem königlichen Hof in Jerusalem nahegestanden haben. Zu gut ist er über die politischen Vorgänge und diplomatischen Missionen informiert.
In den letzten vier Jahrzehnten des achten vorchristlichen Jahrhunderts wird Jesaja Ratgeber von nicht weniger als vier Königen, hält sich dabei mit unpopulären Meinungen und Forderungen nicht zurück. Auch er greift die sozialen Mißstände seiner Zeit an: "Was ihr den Armen geraubt, ist in eurem Hause", hält er den Ältesten des Volkes und den Fürsten vor. Und er räumt mit dem Mißverständnis auf, daß ein reibungslos funktionierender Opferkult die Versäumnisse an sozialen Verpflichtungen ausgleichen könnte: "Das Räucherwerk ist mir ein Greuel."
Jesaja sagt die Zerstörung des Nachbarkönigreichs Israel durch Assyrien voraus und prophezeit auch Juda entsetzliche Dinge: Jerusalem, die Stadt, die Gottes Gebote mißachtet, wird mit einer Hure verglichen. Die überheblichen Frauen werden ihren Hochmut büßen, Jerusalem wird im Krieg bald alle Männer verlieren. Da werden die Frauen der Schmach der Ehe- und Kinderlosigkeit kaum entgehen. Die Sündhaftigkeit des eigenen Volkes, der Götzendienst, die Zügellosigkeit in bezug auf Alkohol und Sex, der unmäßige Reichtum der Grundbesitzer macht dem Propheten schwer zu schaffen. In der grausamen Herrschaft der Assyrer sieht er die Strafe für den sündigen Lebenswandel des Volkes: So hält er es für zwecklos, dagegen zu rebellieren.
Man nennt Jesaja den Propheten des Heiligen, der Gottes Größe wie kein zweiter verkündet. Das geht nun mit dem Versagen seines Volkes ganz und gar nicht mehr zusammen. Als Juda durch Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft seine Haut zu retten sucht, sich später in antiassyrische Bündnisse hineinziehen läßt, rät Jesaja von solcher Politik ab. Das Volk soll Gottes Zusage trauen und ihn handeln lassen. Am Ende wird soviel Vertrauen belohnt. Als ganz Juda in der Hand der Assyrer und Jerusalem vom Heer eingeschlossen ist, zieht die Armee über Nacht ab. In der Bibel ist nachzulesen, daß der Engel des Herrn hundertfünfundachtzigtausend Mann geschlagen hat. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot liefert eine ganz und gar diesseitige Erklärung: Danach trieb eine Mäuseplage den Feind in die Flucht.
Hans-Albrecht Pflästerer
Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.
