Maleachi
Kein Krieg ist gut. Er zerstört das Land und tötet das Leben. Er verroht die Sitten und die Seelen. Er bringt die Menschen um Hab und Gut. Verbannung und Vertreibung, der Verlust der Heimat und der Geborgenheit sind widerliche Begleiterscheinungen. Und oft genug Wege in den Tod.
"An den Flüssen Babylons saßen wir, wir dachten an Zion und weinten. Unsere Lauten hingen dort an den Weiden; wir mochten nicht mehr auf ihnen spielen. Doch die Feinde, die uns unterdrückten, die uns verschleppt hatten aus der Heimat, verlangten von uns auch noch Jubellieder. 'Singt uns ein Lied von Zion', sagten sie. Fern vom Tempel, im fremden Land - wie konnten wir da Lieder singen zum Preis des Herrn?" Dies ist ein Psalm der Bibel. Es ist die Klage der Gefangenen, genährt von der Sehnsucht nach Jerusalem, vom Heimweh nach Zion, dem Symbol für Hoffnung und Heil. Boney M. hat sie in einen Ohrwurm verwandelt. Aber kein Krieg ist gut.
Als König Nebukadnezzar Jerusalem im Jahr 587 vor Christus zum zweiten Mal einnimmt, läßt er die Oberschicht aus Juda - die Landbesitzenden und Bürger in führenden Positionen in Verwaltung, Handel, Handwerk und Gewerbe - nach Babylonien ins Exil führen. Viele der Deportierten werden dort zu Zwangsarbeiten an den Bewässerungsanlagen des Reiches eingesetzt. Jahrzehnte gehen ins Land. Das Schicksal der Verbannten hellt sich erst wieder auf, als der Perser Kyros der Große die Königreiche Lydien und Babylonien unterwirft und seinem Reich eingliedert. Er wie auch seine Nachfahren ermöglichen durch ihre Toleranz den Juden, nach Jerusalem zurückzukehren, die Stadt und den Tempel wieder aufzubauen und innerhalb des persischen Weltreichs eine begrenzte Selbständigkeit zu erlangen.
Doch damit ist längst nicht alles im Lot. Nach den Deportationen haben Pächter den verlassenen Grundbesitz übernommen, sie betrachten ihn nun als Eigentum. Die Rückkehr der früheren Landbesitzer führt zu Konflikten. Auf den ohnehin nicht sehr ertragreichen Ackerflächen geht die Ernte durch die Aufteilung früherer größerer Betriebe weiter zurück. Dürre und Heuschreckenplagen sind keine Schrittmacher des Wohlstandes. Und die Abgaben, die sie dem persischen Statthalter schulden, die Steuern und Naturalien, machen den Leuten arg zu schaffen.
Schwere Zeiten für einen Propheten wie Maleachi, über dessen Familie und Herkunft wir nichts wissen. Er hat es mit Hörern zu tun, die in einer Zeit politischer und wirtschaftlicher Bedrückung kleinmütig geworden sind und ihre Pflichten gegen Gott nicht mehr ernstnehmen. Er muß den Priestern ins Gewissen reden, weil sie auch lahmes, blindes, ja selbst gestohlenes Vieh opfern, was das Gesetz verbietet. Er bläst den Männern den Marsch, die Gott die Treue brechen, weil sie Frauen heiraten, welche fremde Götter verehren. Zauberern, Ehebrechern und Meineidigen, allen, die ihren Arbeitern den Lohn kürzen, Witwen und Waisen übervorteilen und den Fremden ihr Recht verweigern, droht er Strafe an. Und er bekämpft die Skepsis der Frommen, daß sich ihre Treue zu Gott nicht mehr auszahlt, weil es den Gottlosen viel besser ergeht. Doch jene, gibt sich der Prophet ganz sicher, werden böse enden: Der Tag kommt, an dem Gottes Zorn wie loderndes Feuer brennt. "Dann werden alle, die mich voll Übermut verachten, in Flammen aufgehen. Ihr schreitet über sie hinweg wie über Asche, die auf dem Boden ausgetreten wird." Für Maleachi ist das Heil des Volkes Gottes letztes Ziel - allen zornigen Wendungen zum Trotz.
Hans-Albrecht Pflästerer
Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.
