Nathan

Nathan und König David

Es gibt Frauen, die machen mit ihrer Schönheit alle Kerle verrückt. Könige nicht ausgeschlossen. Batseba könnte so eine gewesen sein. David jedenfalls, ein ungewöhnlich gut aussehender Mann, ist völlig hin, als er sie vom Dach seines Hauses erblickt. Er verliert keine Zeit, sendet einen Boten, läßt sie kommen, schläft mit ihr und schwängert sie. Das nennt man Leidenschaft. Dumm nur, daß Batseba verheiratet ist. Für einen König kein Problem. Schon gar nicht im Krieg. Uria, Batsebas Mann, ist Soldat, gehört zur Elitetruppe. Also befiehlt David ihn an die vorderste Front. Er kann sicher sein, daß Uria fällt. Was prompt geschieht. Selbst der Tod anderer Männer wird in Kauf genommen: "Das Schwert frißt bald diesen, bald jenen." Nicht die feine Art. Aber ein König hat recht rabiate Möglichkeiten, Konflikte im Keim zu ersticken. Jedenfalls im Alten Testament (2. Samuel 11,12). Soviel egoistische Kälte muß erschrecken. Und von Reue keine Spur. Zunächst nicht. Nach Totenklage und Trauerzeit wird Batseba Davids Frau. So wird die Form gewahrt und das Verbrechen vertuscht.

Aber David kommt nicht ungeschoren davon. Nathan, ein Prophet und einflußreicher Mann am Königshof, aus dessen jahrzehntelangem Wirken nur ganz wenige Ereignisse überliefert sind, setzt sich in Szene. Er erzählt dem König von zwei Männern, einer arm, der andere reich. Der Reiche hat viele Schafe und Rinder, der andere gerade mal eines. Als der Geizhals Besuch erhält, denkt er nicht daran, eines seiner Tiere für das Gastmahl zu opfern, sondern nimmt das Lamm des Armen. Stinkreich mißbraucht er seine Macht, bringt den Armen um sein Einziges und Liebstes. Unrecht, das nach Sühne schreit. David wird sehr zornig, fordert die Todesstrafe für den Täter. Nathans Appell an sein Gerechtigkeitsgefühl verfängt, doch er erkennt erst spät, daß er selbst das Subjekt der Fabel, der Reiche, ist. David der König, gesalbt, vor den Feinden errettet, mit Häusern und Harem, verurteilt David, den Menschen, den undankbaren, spricht das Urteil über ihn und damit über sich selbst.

Es wird nicht vollstreckt, doch die zweifache Sünde wird doppelt bestraft: Als Sühne für den Mord wird David vier seiner Söhne durch das Schwert verlieren.  Den Ehebruch vergilt der eigene Sohn, der mit des Vaters Nebenfrauen schläft. Ein schwerer Frevel zwar, doch wer den königlichen Harem übernimmt, gibt sich öffentlich als Herrscher aus, eignet sich des Vaters Königtum symbolisch an. David trennt sich von den Frauen. Sie sind zwar versorgt, leben jedoch wie Witwen bis zu ihrem Tod.

Am Ende der Strafpredigt kann Nathan dem zerknirschten David versichern, daß er am Leben bleibt. Nicht aber der Sohn, den er mit Batseba gezeugt hat. Da hilft kein Fasten und kein Beten. Nathan kennt kein Erbarmen. Dann folgt dem großen Auftritt des Propheten ein ganz leiser Abgang: "Und Nathan ging heim."

Hans-Albrecht Pflästerer

Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.


 



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