Reisegeschichten der Bibel

Elternreisen ohne Ruhe - Maria und Josef

Kinder verleihen jeder Reise einen Hauch von Abenteuer. Wer eines oder mehrere dabei hat, muss immer auf Überraschungen gefasst sein – sei es, dass mal eines verloren geht oder dass unterwegs noch eines dazukommt.

Als Maria und Josef von Nazareth nach Betlehem aufbrechen, ist abzusehen, dass unterwegs ein Kind dazukommen wird - ein ungünstiger Zeitpunkt für eine Reise, so kurz vor dem Geburtstermin. Dass Josef am Zielort nur mit Mühe ein Nachtquartier auftreiben kann, macht die Lage nicht besser. Aber gemeinsam bestandene Notlagen können auch zusammenschweißen. Und so wird der vermeintliche Tiefpunkt der Reise - die Niederkunft im Stall - für die Eltern schließlich doch noch zu einem Höhepunkt. Die Nacht der Geburt ist voller Bewegung. Engelscharen sind in unterwegs, die Hirten - raue Zeitgenossen und nicht immer ganz astrein – lassen sich ebenfalls blicken. Als schließlich dank eines ausgefeilten Navigationssystems auch noch weitgereiste Wissenschaftler aus dem Osten eintreffen, wird vollends deutlich, dass es mit diesem Kind etwas Besonderes auf sich haben muss. Das merkt allerdings auch der eifersüchtige König Herodes, der die junge Familie zur Flucht nach Ägypten zwingt.

Zwölf Jahre später sind Maria und Josef längst aus Ägypten zurück und mit ihrem Sohn unterwegs zum jährlichen Passafest nach Jerusalem. Jesus hat wie alle Heranwachsenden allerdings eigene Vorstellungen von einer Reise im trauten Kreis der Verwandten und macht sich selbstständig. Er ist weniger fasziniert von der Hauptstadt mit ihren mehrgeschossigen Gebäuden, dem Trubel der Bazare und den nachts beleuchteten Straßen; er sitzt vielmehr im Kreis der Gelehrten, lauscht ihren Weisheiten und stellt kluge Fragen. Offenbar ein Wunderkind, das zu großen Hoffnungen berechtigt. Man wird noch von ihm hören. (Lukas 2,1-7; Matthäus 2,1-15; Lukas 2, 41-52):

Zu jener Zeit ordnete Kaiser Augustus an, dass alle Menschen in seinem Reich gezählt und für die Steuer erfasst werden sollten. Diese Zählung war die erste und wurde durchgeführt, als Quirinius Statthalter der Provinz Syrien war. Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, jeder in die Heimatstadt seiner Vorfahren.

Auch Josef machte sich auf den Weg. Aus Galiläa, aus der Stadt Nazaret, ging er nach Judäa in die Stadt Davids, nach Betlehem. Denn er stammte aus der Familie von König David. Dorthin ging er, um sich einschreiben zu lassen, zusammen mit Maria, seiner Verlobten; die war schwanger. Während sie dort waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung. Sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall. Denn in der Herberge hatten sie keinen Platz gefunden.

Bald nach seiner Geburt kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: "Wo finden wir den neugeborenen König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um uns vor ihm niederzuwerfen." Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle führenden Priester und Gesetzeslehrer im Volk Gottes zu sich kommen und fragte sie: "Wo soll der versprochene Retter geboren werden?"

Sie antworteten: "In Betlehem in Judäa. Denn so hat der Prophet geschrieben: ›Du Betlehem im Land Juda! Du bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten in Juda, denn aus dir wird der Herrscher kommen, der mein Volk Israel schützen und leiten soll.‹" Daraufhin rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und fragte sie aus, wann sie den Stern zum ersten Mal gesehen hätten. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: "Geht und erkundigt euch genau nach dem Kind, und wenn ihr es gefunden habt, gebt mir Nachricht! Dann will ich auch hingehen und mich vor ihm niederwerfen."

Nachdem sie vom König diesen Bescheid erhalten hatten, machten sich die Sterndeuter auf den Weg. Und der Stern, den sie schon bei seinem Aufgehen beobachtet hatten, ging ihnen voraus. Genau über der Stelle, wo das Kind war, blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, kam eine große Freude über sie. Sie gingen in das Haus und fanden das Kind mit seiner Mutter Maria. Da warfen sie sich vor ihm zu Boden und ehrten es als König. Dann holten sie die Schätze hervor, die sie mitgebracht hatten, und legten sie vor ihm nieder: Gold, Weihrauch und Myrrhe. In einem Traum befahl ihnen Gott, nicht wieder zu Herodes zu gehen. So zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

Nachdem die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum der Engel des Herrn und sagte: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du wieder zurückkommen kannst. Herodes wird nämlich das Kind suchen, weil er es umbringen will." Da stand Josef auf, mitten in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und floh mit ihnen nach Ägypten. Dort lebten sie bis zum Tod von Herodes. So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten angekündigt hatte: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Die Eltern von Jesus gingen jedes Jahr zum Passafest nach Jerusalem. Als Jesus zwölf Jahre alt war, nahmen sie ihn zum ersten Mal mit. Nach den Festtagen machten die Eltern sich wieder auf den Heimweg, während der junge Jesus in Jerusalem blieb. Seine Eltern wussten aber nichts davon. Sie dachten, er sei irgendwo unter den Pilgern. Sie wanderten den ganzen Tag und suchten ihn dann abends unter ihren Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie am folgenden Tag nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.

Endlich am dritten Tag entdeckten sie ihn im Tempel. Er saß mitten unter den Gesetzeslehrern, hörte ihnen zu und diskutierte mit ihnen. Alle, die dabei waren, staunten über sein Verständnis und seine Antworten. Seine Eltern waren ganz außer sich, als sie ihn hier fanden. Die Mutter sagte zu ihm: "Kind, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich überall gesucht und große Angst um dich ausgestanden." Jesus antwortete: "Warum habt ihr mich denn gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?" Aber sie verstanden nicht, was er damit meinte.

Jesus kehrte mit seinen Eltern nach Nazaret zurück und gehorchte ihnen willig. Seine Mutter aber bewahrte das alles in ihrem Herzen. Jesus nahm weiter zu an Jahren wie an Verständnis, und Gott und die Menschen hatten ihre Freude an ihm.


Reisegeschichten der Bibel. Ausgewählt und eingeleitet von Ekkehard Runge. Für die Online-Veröffentlichung bearbeitet von Bertram Salzmann. © 2006 Deutsche Bibelgesellschaft
Bibeltext: Gute Nachricht Bibel. Revidierte Fassung der Bibel in heutigem Deutsch. Durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung. © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Alle Rechte vorbehalten.