Reisegeschichten der Bibel

Ein Anhalter, der weiß, wo es lang geht - Philippus

Soll ich ihn mitnehmen? Der junge Mann, der mit erhobenen Daumen am Straßenrand steht, die Studentin, die auf dem Bahnhof nach Mitnahme auf ein Gruppenticket fragt – sie werfen eine Gewissensfrage auf. Soll man sich auf so eine unsichere Reisebekanntschaft einlassen?

Der wohlhabende Afrikaner, der sich in seinem offenen Geländewagen durch die Steppe des Gaza-Streifens in Richtung Heimat chauffieren lässt, hat eigentlich keine große Lust, sich durch einen ungebetenen Mitfahrer stören zu lassen. Denn als Reiselektüre hat er sich etwas Besonderes geleistet: Im Jerusalemer Bazar hat er eine Schriftrolle mit Reden und Erzählungen eines gewissen Jesaja erstanden, der vor Jahrhunderten im Raum Jerusalem gelebt haben soll, aber noch ganz aktuell sei – so war ihm von dem Buchhändler versichert worden.

Als neben dem Wagen plötzlich ein Mann auftaucht und ihn nach seiner Lektüre fragt, wittert der Afrikaner – vielleicht ein Minister? – allerdings die Chance, sich von dem Einheimischen beim Verständnis der schwierigen Stellen der Schrift helfen zu lassen. Der geheimnisvolle Anhalter, der auf den Namen Philippus hört, lässt sich nicht zweimal bitten und steigt auf.

Mehr und mehr entwickelt sich unterwegs das Gespräch über das Gelesene, die lange Reise lässt genug Zeit dazu. Von der Jahrhunderte alten Schrift kommen sie auf Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, die Philippus besonders zu Herzen gehen. Glücklicherweise stellt der reiche Reisende ganz offen die entscheidenden Fragen. So kann Philippus – Jesus-Aktivist der ersten Stunde und eigentlich Sozialarbeiter in der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem – unmittelbar Auskunft geben und muss nicht wie manche anderen seiner Missionskollegen auf Fragen antworten, die zuvor nicht gestellt worden sind.

Als der Wagen schließlich an einer Wasserstelle vorbeikommt, hat auch der Afrikaner Feuer gefangen. Er lässt spontan einen Stopp einlegen, um die innere Entwicklung, die er auf unterwegs durchgemacht hat, mit dem Zeichen der Taufe zu besiegeln. So wird der Afrikaner aus Äthiopien Christ, lange bevor man in Europa von Jesus zu hören bekommt. (Apostelgeschichte 8,25-40)

Der Engel des Herrn sagte zu Philippus: "Mach dich auf den Weg und geh nach Süden, zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt!"

Diese Straße wird kaum von jemand benutzt. Philippus machte sich auf den Weg und ging dorthin. Da kam in seinem Reisewagen ein Äthiopier gefahren. Es war ein hoch gestellter Mann, der Finanzverwalter der äthiopischen Königin, die den Titel Kandake führt, ein Eunuch. Er war in Jerusalem gewesen, um den Gott Israels anzubeten. Jetzt befand er sich auf der Rückreise. Er saß in seinem Wagen und las im Buch des Propheten Jesaja.

Der Geist Gottes sagte zu Philippus: "Lauf hin und folge diesem Wagen!"
Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut aus dem Buch des Propheten Jesaja las. Er fragte ihn: "Verstehst du denn, was du da liest?"

Der Äthiopier sagte: "Wie kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!" Und er forderte Philippus auf, zu ihm in den Wagen zu steigen.

Die Stelle, die er gerade gelesen hatte, lautete: "Wie ein Lamm, wenn es zum Schlachten geführt wird, wie ein Schaf, wenn es geschoren wird, so duldete er alles schweigend, ohne zu klagen. Er wurde aufs tiefste erniedrigt; aber mitten in seiner Erniedrigung wurde das Urteil gegen ihn aufgehoben. Wer wird je seine Nachkommen zählen können? Denn von der Erde weg wurde sein Leben emporgehoben."

Der Mann aus Äthiopien fragte: "Bitte, sag mir doch: Um wen geht es hier eigentlich? Meint der Prophet sich selbst oder einen anderen?"

Da ergriff Philippus die Gelegenheit und verkündete ihm, von dem Prophetenwort ausgehend, die Gute Nachricht von Jesus.
Unterwegs kamen sie an einer Wasserstelle vorbei, und der Äthiopier sagte: "Hier gibt es Wasser! Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?"

Er ließ den Wagen anhalten. Die beiden stiegen ins Wasser hinab, Philippus und der Äthiopier, und Philippus taufte ihn.
Als sie aus dem Wasser herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des Herrn gepackt und weggeführt, und der Äthiopier sah ihn nicht mehr. Von Freude erfüllt setzte er seine Reise fort.