Amos

Gottes tolle Typen

Darstellung des Amos

Sie deuten Träume oder fallen in Trance, sie haben den sechsten Sinn oder die göttliche Eingebung. Indem sie in die Zukunft schauen und erzählen, was kommen wird, prangern sie die gegenwärtigen Übel an: Propheten.

Amos aus Tekoa, südlich von Bethlehem gelegen, der etwa um 750 vor Christus lebt, ist so einer. Seine Prophezeiungen sind kurz und rabiat, und sie werden sich bald erfüllen. Aber das glaubt ihm keiner. Gebildet ist Amos, kennt sich in Geschichte und Politik aus. Reich ist er auch, Herden und Maulbeerbäume gehören ihm. Was treibt ein Mitglied der Oberschicht dazu, Prophet zu werden und es sich mit allen zu verderben? Amos erzählt, Gott habe ihn von seinen Herden weggeholt und ihm aufgetragen, dem Volk Israel sein Strafgericht anzukündigen. Das unterscheidet ihn von den berufsmäßigen Propheten seiner Zeit. Diese Zunft lebt von der Zukunftsdeutung und lässt sich allzu gern von königlichen Gönnern bestechen. Amos hält keine Freundlichkeiten parat. Der Mann aus Juda zieht in den Norden Israels, nach Samaria und Bet-El. Auf den ersten Blick weist nichts in dieser Gegend auf ein düsteres Schicksal hin. Denn noch herrschen die raren guten Zeiten in der Geschichte Israels. Das Reich lebt in Frieden und Wohlstand, Handel und Wirtschaft blühen, an den religiösen Heiligtümern werden aufwendige Opfer gebracht. Großzügig übersehen die Reichen Korruption und soziale Ungerechtigkeit.

Amos übersieht sie nicht. "Wie Löwengebrüll und Donnergrollen schallt es vom Zionsberg in Jerusalem her", sagt er, und Gottes Zorn sei so groß, dass "selbst der Wald auf dem Gipfel des Karmels verdorrt". Auf den Straßen begegnen Amos Menschen in tiefster Armut, während die Reichen sich "auf elfenbeinverzierten Polsterbetten räkeln", das "zarte Fleisch von Lämmern und Mastkälbern essen" und den "Wein kübelweise" trinken, wie der Prophet erbost feststellt. In fünf Visionen sieht er Niederlagen und Zerstörungen, die über Israel kommen werden, weil das Volk von seinem Gott abgefallen ist. Mal sagt er eine Heuschreckenplage voraus, die alle Saat vernichtet, mal einen Feuerregen, der alles vertilgt, mal einen überreifen Obstkorb,  Sinnbild dafür, dass auch Israel reif für den Untergang ist. Das hören die Reichen nicht gern. Sie sind sich einig: Der Mann, der voller Empörung, Leidenschaft und Strenge auftritt, ist ein Spaßverderber. Er beklagt den Verlust alter Gottesdienstformen ebenso sehr wie die zerstörten Lebensgrundlagen der Kleinbauern. So einer geht auf die Nerven. Also muss er weg. Amos fliegt raus aus Israel, wird abgeschoben. Seine  Weissagungen aber erfüllen sich. Keine 25 Jahre später ist Israels Reichtum dahin, das Land von Assyrischen Heeren zerstört. Mit all den grauenhaften Folgen, die Kriege nach sich ziehen: Männer werden getötet, Frauen geschändet, Land wird verwüstet, Häuser werden verbrannt und Heiligtümer entweiht. In der Schilderung einer Abfolge von Katastrophen gibt Amos ein Muster vor, dem später viele folgten. Er selbst gehört zu den grimmigen Propheten, die den Menschen kaum einen Hoffnungsschimmer lassen. “Bei Amos", schreibt der Theologe Heinz Zahrnt, “lässt Gott den Menschen keine Zeit zur Umkehr. Für ihn bleibt er allzeit verborgen und sein Gericht ausweglos. Er schließt das Reich Gottes vor den Menschen zu."

Hans-Albrecht Pflästerer



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